Daumen dran!

Wussten Sie, dass Ihr Hund einen Daumen hat? Ja? Wussten Sie auch, dass er diesen zum Sprinten benötigt?

Hunde verfügen tatsächlich wie wir Menschen über fünf "Finger" und somit auch über einen Daumen - man nennt ihn Daumenkralle und er befindet sich etwas weiter oberhalb der anderen Krallen an den Vorderläufen. Es gibt auch einige Rassen, die eine doppelte Daumenkralle haben.

Bayos Daumenkralle
Die Daumenkralle hat tatsächlich eine Funktion, auch wenn sie im Stand nicht den Boden berührt. Im Galopp oder bei Wendungen hat diese Daumenkralle aber Kontakt zum Boden und entlastet damit die anderen Zehen. Die einzelnen Zehen sind durch Bänder miteinander verbunden und bei großen Belastungen wirken entsprechend große Kräfte auf Bänder und Knochen. Beim Galopp befindet sich in in bestimmten Phasen nur ein Vorderlauf auf dem Boden. In dieser Phase lastet - neben der Einwirkung weiterer physikalischer Kräfte - das gesamte Gewicht des Hundes auf den Zehen. Um diese "Last" zu verteilen und dem Vorderlauf mehr Halt zu geben, stützt die Daumenkralle den Vorderlauf ab. Wer nicht glaubt, dass dieser so weit oben liegende Daumen tatsächlich den Boden berührt, kann sich die Daumenkralle seines Hundes nach einem rasanten Spaziergang auf Waldboden oder Gras ansehen - die Kralle wird schmutzig oder mit Gras behangen sein und das kann ja schlecht passieren, wenn sie nur in der Luft schwebt.


Nicht zu verwechseln ist die Daumenkralle mit der s. g. Afterkralle, die sich bei manchen Hunden an den Hinterläufen befindet. Diese hintere Kralle ist tatsächlich ein Rudiment und erfüllt keinerlei Funktion. Viele Hunde, so auch Bayo und Alastair, haben diese Afterkralle nicht. Im Gegensatz zur Daumenkralle besitzt die Afterkralle oftmals kein Zehenglied.

Bayos Hinterläufe - keine Afterkralle

Weil Daumenkrallen aber manchen - nicht allen! - Hunden Probleme bereiten (sie bleiben daran hängen und verletzen sich), sind einige Züchter der Meinung, pauschal allen Hunden prophylaktisch kurz nach der Geburt die Daumenkrallen abzuschneiden. Die Befürworter dieser Amputationen sind der Meinung, dass die Nervenbahnen der Welpen in diesem Alter noch nicht vollständig ausgebildet sind, weswegen man diesen "Eingriff" ohne jegliche Betäubung durchführt.

In diesem Video ist ein wenige Tage alter Welpe zu sehen, dem die Daumenkrallen ohne Betäubung entfernt werden (Achtung, das Video ist nichts für schwache Nerven, denn der Welpe schreit natürlich minutenlang vor Schmerz - offenbar gibt es die Nervenbahnen also doch...):



Die prophylaktische Entfernung von Daumenkrallen ohne Betäubung ist tierschutzrelevant. Es ist schlicht und einfach Tierquälerei und kommt dem Kupieren von Ohren und der Rute gleich! Nur in Fällen, in denen die Daumenkralle tatsächlich zu Verletzungen führt, darf sie entfernt werden - mit entsprechender Betäubung durch einen Tierarzt versteht sich.

Die Entfernung der Daumenkralle kann außerdem negative Folgen haben, da sich das Arthroserisiko durch die fehlende Unterstützung der anderen Zehen signifikant erhöht (Quelle: http://www.woodhavenlabs.com/documents/dewclaws-injury.pdf).

Um ein Verletzungsrisiko an der Daumenkralle zu minimieren, sollte man lieber als Hundehalter darauf achten, dass die Kralle am betroffenen Zeh stets kurz gehalten wird und im Falle extremer Belastung (z. B. Hunderennen) durch eine Bandage geschützt wird.

Welpeninteressenten sollten diese Praxis keinesfalls unterstützen und daher nur bei Züchtern Welpen kaufen, die auf diese Amputation verzichten - der Gesundheit des zukünftigen besten Freundes wird das zu Gute kommen. 

Einige Menschen haben sich zum Ziel gemacht, eine konkrete Nennung des Amputationsverbots der Daumen im  Tierschutzgesetz sowie in Zuchtordnungen der Rassevereine zu erwirken, ebenso wie ein Teilnahmeverbot prophylaktisch amputierter Hunde an Ausstellungen und Sportveranstaltungen. Weitere Informationen sind hier zu finden:


Fazit: Schauen Sie Ihrem (zukünftigen) Hund mal auf die Füße und lassen Sie Daumenkrallen nur dann fachmännisch (also mit Betäubung) amputieren, wenn Ihr Hund wirklich Probleme damit hat!



Kommentare

  1. Bah, wie abartig. Wie soviele Dinge, die auf dieser tollen Seite beschrieben werden, ist es einfach nicht zu fassen, dass bei all den Hundebesitzern auf der Welt die Anzahl derer so gering ist, die diesem Tier den Respekt und die Fürsorge zollen, die es mit seiner Stellung unter Menschen verdient hat und entsprechende Qualen und Mißhandlungen verhindern und boykottieren ebenso wie falsche Behandlungen beim Tierarzt und bequeme Abfüllung mit Nahrungsmittelindustrieabfall. Ekelhaft.

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  2. Auch wenn der Artikel schon älter ist: DAUMENKRALLE AB! Begründung: In den 1980iger Jahren durfte die erste Generation von fünf Saluki-Rüden zu mir kommen. Den ersten vier waren von Tierärzten noch bei verantwortungsvollen Züchtern die Daumenkrallen unter örtlicher Narkose entfernt worden. Man machte dies damals um spätere Verletzungen, nicht zuletzt durch Maulkörbe auf der Rennbahn, zu vermeiden. Nun, es gab damals ca. 1000 Salukis in der BRD, nur ca. 60 hatten überhaupt eine Rennlizenz. Keiner meiner Hunde trug jemals einen Maulkorb. Dies wird heute allerdings in vielen Alltagssituation Pflicht, etwa wenn ich eine Reise mit einem Hund mit der DB mache. Mein fünfter Hund riss sich beide Daumenkrallen ab, eine bei einem Sturz im Haus, die zweite bei einem Spaziergang (!), vermutlich weil er zu knapp neben einen Bordstein trat. Beide Male erlitt das arme Tier größte Schmerzen - dies wäre zu vermeiden gewesen.

    Wohl gemerkt: Ich bin ansonsten ein entschiedener Gegner jeglicher Herumschnippelei an Hunden, sei es aus kosmetischen Gründen (Jagdgebrauchshunde nehme ich ausdrücklich aus), sei es aus Gründen der ach so beliebten gedankenlosen Kastration. Aus ethischen, moralischen, juristischen, verhaltensbedingten und medizinischen Gründen.

    Vielleicht etwas polemisch, dennoch angezeigt: Die Stamm-Salukis der heutigen Saluki-Zucht in Europa stammen überwiegend aus Syrien und Gebieten des Mittleren Orients, welche heute IS-Gebiet sind. Wenn man sich vorstellt, was heute dort mit diesen Hunden - und auch den Menschen! - geschieht, dann ist die Frage der sachgerechten Entfernung einer Daumenkralle doch wirklich ein Pipifax.

    Seit zwei Wochen darf ich wieder der Lebenspartner einer dreijährigen Saluki-Hündin aus dem Tierschutz sein. Natürlich leider mit Daumenkrallen. Eine Entfernung kommt jetzt nicht mehr in Frage, ich hoffe nur inständig, dass sie die Schmerzen bei einem Abriss durch Unfall nicht erleben muss.

    Grüße

    Thomas W. und Amira

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  3. Das Argument, einen Körperteil lieber vorsichtshalber zu amputieren, nur weil sich das Tier daran verletzen könnte, ist absoluter Schwachsinn. Mein letzter Hund bekam Knochenkrebs, es begann im Bein. Vermutlich hätte geholfen, ihm gleich nach der Geburt dieses Bein zu amputieren. Wo fängt man an und wo hört man auf? Es ist ja nicht so als könne man anhand eines Gentests voraussagen: Dieser Körperteil wird mit 95 % Wahrscheinlichkeit erkranken und Probleme sowie starke Schmerzen verursachen wie das z. B. beim BRCA1-Gen der Fall ist. Das wäre eine ganz andere Sache. Ansonsten ist jeder Körperteil in der Lage, zu erkranken. Kein Grund, ihn deswegen vorsorglich zu amputieren. Sonst müsste man auch manche Männer gleich nach der Pubertät kastrieren - bevor Hodenkrebs entsteht...


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