Samstag, 10. Dezember 2011

Gut, besser, Hill’s™?

Welcher Tierhalter kennt sie nicht, die Produkte von Hill’s™? Nehmen doch prall gefüllte Vitrinen mit Futtersäcken, Dosen, Pröbchen und Werbematerialien des Seifenherstellers einen nicht geringen Platz in nahezu jeder Tierarztpraxis ein.

Seifenhersteller? Ja, denn Hill’s™ ist eine Marke des Konzerns Colgate-Palmolive, der jeder Hausfrau als Seifen- oder Zahnpastahersteller bekannt ist. Und es kann ja sicher auch nicht schaden, nebenbei noch den ein oder anderen Vierbeiner mit Futter zu versorgen und das äußerst erfolgreich, denn der Konzern setzte in 2010 über 2 Milliarden US-Dollar mit Tierfutter um[1]. Kein Wunder, predigen doch Tierärzte in 95 Ländern täglich das allgegenwärtige Mantra: nur Hill’s™ kommt in den Napf!

Aber warum eigentlich? Nun ja, Hill’s™ steht für von Tierärzten entwickeltes Spezialfutter für den Hund oder die Katze – mit den hochwertigsten Zutaten und ausgewogenem Nährstoffanteil, welches den gesundheits-, rasse- oder altersgerechten Anforderungen der Tiere in besonderem Maße gerecht wird, so der Seifenhersteller.

Schauen wir uns die Produktpalette von Hill’s™ mal etwas genauer an. Auf der Website werden dem Kunden viele Versprechungen gemacht. Alles, was Hill’s™ verspricht, ist ich entsprechend farblich hervorgehoben.


Prescription Diet™ - Klinisch erprobte, therapeutische Tiernahrung
Diese Futtersorten seien das Resultat „bester klinischer Forschung mit medizinischer Kompetenz, um so die gesundheitlichen Beschwerden Ihres Tieres zu mindern.“ Aus meiner Sicht heißt das, dass diese Futtersorten die Bedürfnisse kranker Tiere besonders berücksichtigen – natürlich in Verbindung mit dem Versprechen „hochwertigste Zutaten“.

Ein Beispiel für eine solche Futtersorte wäre Prescription Diet™ k/d™ Canine – ein Futter für Hunde mit Nierenerkrankungen. Laut den Spezialisten für Tierernährung, Helmut Meyer und Jürgen Zentek, haben nierenkranke Hunde eine Reihe von besonderen ernährungsphysiologischen Anforderungen, wie z. B. reduzierte Eiweißmenge, bei sehr hoher Eiweißqualität oder geringer Phosphor-Anteil[2]. Und so setzt sich das Spezialfutter aus dem Hause Hill’s™ dann zusammen:
„Gemahlener Reis, tierische Fette,Volltrockenei, gemahlener Mais, Leinsamen, Proteinhydrolysat, Maiskleber, Fibrim® 1260, Calciumcarbonat, Kaliumchlorid, Pflanzenöl, L-Lysinhydrochlorid, Calciumsulfat, Salz, Kaliumcitrat, Magnesiumoxid, Taurin, L-Tryptophan, Vitamine und Spurenelemente. Enthält EU-zugelassene Antioxidantien.“
Leider enthält das Futter nicht wirklich ausschließlich hochwertige Eiweiße (für Hunde hochwertige Eiweiße sind vor allem Eiweiße aus Fleisch), sondern auch pflanzliche Eiweiße, die eine für Hunde ungünstigere Aminosäurenzusammensetzung aufweisen[3], was dazu führt, dass der Hund insgesamt mehr Eiweiß aufnehmen muss, um seinen Bedarf an Aminosäuren zu decken. Das belastet die ohnehin schon geschädigten Nieren des Tieres zusätzlich. Reis und Mais sind zudem Zutaten, die ziemlich viel Phosphor liefern. Es stellt sich auch die Frage, warum für nierenkranke Hunde ein trockenes Futter empfohlen wird…

Ja, und was die Hochwertigkeit der Zutaten anbelangt: Reis, Mais, Maiskleber, Faserstoffe? Nun ja, ich würde diese Dinge nicht unbedingt favorisieren. Es stellt sich auch die Frage, warum einem Futter, das so hochwertige Inhaltsstoffe enthält, extra Aminosäuren bzw. deren Abbauprodukte zugefügt werden müssen. Lysin, Tryptophan und Taurin sind in jedem Stück Fleisch reichlich vorhanden…

Science Plan™ - Hochwertige Tiernahrung für optimale Gesundheit
Diese Futtersorten seien lt. dem Hersteller ausgewogen, enthielten klinisch erprobte Antioxidantien, seien genau auf die individuellen Anfälligkeiten eines Tiers abgestimmt, zudem qualitativ hochwertig, hervorragend im Geschmack und kosteten täglich nur so viel wie eine Tasse Kaffee! Toll, oder?

Und so sieht das dann aus, Hill’s™ Science Plan Advanced Fitness Adult 1-6 Medium, dieses Futter wurde sogar von Stiftung Warentest mit der Note 1,2 bewertet:
„Mit Rind (mind. 14% Rind): Gemahlener Mais, Rinder- und Schweinegriebenmehl, Geflügelmehl, tierische Fette, Proteinhydrolysat, Pflanzenöl, Kaliumcitrat, Leinsamen, Calciumcarbonat, Natriumchlorid, L-Lysinhydrochlorid, Kaliumchlorid, DL-Methionin, L-Tryptophan, Vitamine und Spurenelemente. Natürlich mit gemischten Tocopherolen, Zitronensäure und Rosmarinextrakt haltbar gemacht.“
STOPP! Wer hat jetzt gedacht, dass Rind wohl die Hauptzutat des Futters ist? Steht ja zuerst in der Liste, nicht wahr? Nun ja, stimmt aber nicht ganz, denn dort steht ein Doppelpunkt hinter dem „mit Rind“. Die Hauptzutat in diesem qualitativ hochwertigen Futter ist also gemahlener Mais und nicht Rind… Das finde ich ein bisschen verwirrend...

Ach so, Griebenmehl zählt zu den bindegewebsreichen Schlachtabfällen, deren Aminosäurenzusammensetzung ungünstig ist und sie zudem schwer verdaulich sind, weshalb sie nur in Maßen verfüttert werden sollten[4]. Und Geflügelmehl, das ist ein Erzeugnis, das durch Erhitzen, Trocknen und Mahlen von Nebenprodukten der Geflügelschlachtung gewonnen wird … und was sich unter Pflanzenöl oder tierischen Fetten verbergen könnte, wollen Sie besser gar nicht wissen..  Man fragt sich auch, warum ein Hund zum Großteil von Mais ernährt werden sollte? Von einer stark getreidebasierten Ernährung ist grundsätzlich abzuraten (dafür gibt es viele Argumente). Klingt aber alles sehr ausgewogen und hochwertig.

Und wie soll bitte ein Fertigfutter – auch wenn es vielleicht für verschiedene Rassen und Größen entwickelt wurde, den Bedürfnissen eines einzelnen Individuums gerecht werden? Was, wenn ein Hund z. B. einen individuell abweichenden Bedarf an bestimmten Nährstoffen hat – kann der Tierhalter die dann mit innovativen Methoden aus dem Futter herauslösen oder hinzufügen?

Eins stimmt aber: würde ich Bayo dieses Futter servieren, würde mich das täglich etwa 1,67 Euro kosten – etwa so viel wie eine Tasse Kaffee in einer abgelegenen Gegend Kasachstans…

Science Plan™ VetEssentials - Fortschrittliche Tiernahrung mit klinisch erwiesenen Gesundheitsvorteilen
Diese Futtersorten seien speziell auf die Gesundheitsbedürfnisse von Hunden abgestimmt: Zahnpflege, Idealgewicht, Haut & Fell, Gesunde Verdauung sowie Gesunde Beweglichkeit. Bei der Sorte Hill’s™ Science Plan™ VetEssentials Canine Adult sieht das dann folgendermaßen aus:
„Mais, Geflügelfleischmehl (mind. Huhn 31%), Cellulose, Reis, Erbsenkleiepulver, Rübentrockenschnitzel, Proteinhydrolysat, Leinsamen, Pflanzenöl, Kaliumchlorid, tierische Fette, Natriumchlorid, Dicalciumphosphat.“
Hmm, ein getreidebasiertes Futter soll die Zähne pflegen? Es gibt Experten, die behaupten, kohlenhydratreiche Futtersorten würden Zahnstein begünstigen[5]. Mais, Cellulose und Reis als Hauptzutaten? Erbsenkleiepulver und Rübentrockenschnitzel? Das soll ein Beutefresser zu sich nehmen? Wirklich? Das kann ich gar nicht kommentieren…

Nature's Best™ - Natural Selection-Produkte
Futtersorten dieser Marke sollen ein perfektes Gleichgewicht an vollwertigen, NATÜRLICHEN Inhaltsstoffen bieten – eine natürlich gesunde, hochwertige Komplettnahrung ohne Weizen, Soja und billige Füllstoffe, verspricht der Seifenhersteller. Was bitte soll denn an Weizen und Soja oder billigen Füllstoffen (wie Rübentrockenschnitzel oder Cellulose) schlecht sein – das kommt doch in so vielen Hill’s™ Produkten vor? ;) Und so setzt sich eine solche Futtersorte dann zusammen. Nature's Best™ Canine Adult Large Breed / Giant:
„Gemahlener Mais, Geflügelmehl, Maiskleber, tierische Fette, Proteinhydrolysat, brauner Reis, Pflanzenöl, gemahlene Gerste, Vollkornhaferflocken, Leinsamen, Rübentrockenschnitzel, Kaliumcitrat, getrocknete Karotten, getrocknete Erbsen, Tomatentreber, Spinatpulver, Fruchtmark aus Zitrusfrüchten, Traubentreber, Natriumchlorid, L-Lysinhydrochlorid, L-Carnitin, Kaliumchlorid, Eisenoxid, Calciumcarbonat, L-Tryptophan, Vitamine und Spurenelemente. Natürlich mit gemischten Tocopherolen, Zitronensäure und Rosmarinextrakt haltbar gemacht.“
Ich habe mal die Zutaten pink markiert, die in der NATÜRLICHEN Nahrung eines Beutefressers - wie der Hund einer ist – in der Form vorkommen. Sie sehen nur eine Markierung? Richtig!

Oder haben Sie schon mal ein in Freiheit oder auch Gefangenschaft lebendes Proteinhydrolysat rumlaufen sehen? Ich nicht. Kein Wunder, denn Proteinhydrolysate sind künstlich aufgespaltene Eiweiße. Ich wüsste auch nicht, wo in der Natur Geflügelmehl vorkommt. Abgesehen von der fragwürdigen Natürlichkeit der Zutaten, fragt man sich aber obendrein, wozu ein Hund Tomaten- oder Traubentreber benötigt? Sind das nicht nur die ausgequetschten Reste von diesen Früchten? Welche Nährstoffe soll der Hund daraus bitte ziehen? Vielleicht soll das als Ballaststoff dienen? Wohl kaum, denn das Futter beinhaltet ja bereits große Mengen an Getreide und anderen Füllstoffen…

Ich habe lange darüber nachgedacht, um herauszufinden, was Hill’s™ mit natürlichen Zutaten meinen könnte: Aber mir fällt einfach nichts ein. Das liegt ganz bestimmt an mir.

Fazit
Ich weiß nicht warum, aber irgendwie hat sich mir bei der Betrachtung dieser Futtersorten der Eindruck aufgezwungen, als würden diese nicht unbedingt die Anforderungen eines Hundes erfüllen, denn ob Reis, Mais und Tiermehl als Hauptzutaten für einen Beutefresser am besten geeignet sind, halte ich für fragwürdig. Unter hochwertigen Zutaten verstehe ich persönlich auch etwas Anderes (z. B. wenn es schon Getreide sein muss, dann vielleicht Hirse oder Hafer an Stelle von Mais und Weizen oder Kopf- und Saumfleisch vom Rind als Fleischlieferant an Stelle von inhaltlich undefinierbaren Tiermehlen). Ob das Futter sämtlichen ernährungsphysiologischen Anforderungen eines Hundes gerecht wird, konnte ich leider nicht überprüfen, denn die Analysewerte der Futtersorten scheinen ein großes Geheimnis zu sein. Jedenfalls werden sie auf der Website von Hill’s™ nicht vollumfassend bekannt gegeben.

Ich jedenfalls hätte andere Erwartungen an ein Futter, welches in besonderem Maße für meinen geliebten Vierbeiner geeignet sein soll, erst recht, wenn es mir von einem Tierarzt verkauft wird… Aber das liegt bestimmt mal wieder nur am mir.
_______________________________
[1] http://files.shareholder.com/downloads/CL/1561319089x0x452609/628361a7-bc3e-4bef-a777-5ee6e3756767/501366_Web_Ready.pdf, S. 1.
[2] Meyer/Zentek (2005): Ernährung des Hundes, S. 220f.
[3] Meyer/Zentek (2005): Ernährung des Hundes, S. 39f.
[4] Meyer/Zentek (2005): Ernährung des Hundes, S. 102f.
[5] Meyer/Zentek (2005): Ernährung des Hundes, S. 178.

Kommentare:

Mirjam hat gesagt…

Großkonzern Meeting --> Umsatz generieren? Hm?! Tiernahrung!
Marketing Strategie --> Umsatz über Vertrauensperson --> Tierarzt (genial) --> Batzen Kohle auf den Tisch! Stell mal in Vitrine und verkauf (darfst dir natürlich noch was davon einstecken)!
Ding geritzt! Und wir wollen nun nicht mutmaßen wie die Spule sich noch weiter drehen könnte, wie: mehr Patienten durch krank machendes Futter?!? Nein, niemals, das kann doch kein Tierartz wollen. Oder?!?

Die Zutaten sind ein Graus..und wer sich ein bisschen mit dem Thema beschäftigt, sollte den Tierartz wechseln, sobald einen die Produktpalette anspringt oder der Gott in Weiß einem das Futter sogar noch anpreist...

Toller Artikel!
LG Mirjam mit Rabaukenluna.

Nd. hat gesagt…

Ja, aus Marketingsicht ist das natürlich vollkommen genial. Es gibt nichts besseres als Kunden dazu zu bringen, Produkte quasi "blind auf den Verkäufer vertrauend" zu kaufen. Die wenigsten Tierbesitzer werden sich ansehen, was in dem Futter enthalten ist. Die Empfehlung eines Tierarztes muss selbstverständlich eine Gute sein. Dass einige der enthaltenen Zutaten Hunde durchaus krank machen können... nun ja, das ist praktisch. Ich weiß nicht, ob es intendiert ist, aber scheinbar wird es hingenommen - schließlich kaufen die Leute das Futter ja trotzdem und Mais & Co. sind natürlich auch viel preiswerter als Fleisch, ergo: Mehr Gewinn.

Was ich dabei überhaupt nicht verstehe, ist die moralische Einstellung einiger TÄ zu dem Thema. Während meines Studiums hatte ich mal irgendwann beschlossen, niemals für bestimmte Industriezweige tätig zu werden, weil ich es schlichtweg für verantwortungslos halte, bestimmte Produkte zu verkaufen. Den meisten TÄ ist es aber offenbar völlig egal, was sie da verkaufen. Aufgrund ihrer Ausbildung müssten sie wissen, dass ein derartiges Futter ernährungsphysiologisch nicht geeignet ist. Es gibt also nur zwei Möglichkeiten: Entweder, sie wissen es nicht (=Armutszeugnis für die Ausbildung) oder es ist ihnen egal (=Armutszeugnis aus moralischer Sicht) - beides ist sehr traurig...

jyoti soni hat gesagt…

Wiederentdeckt wurde das Weizengras in 1980 von Ann Wigmore, einer experimentierfreudigen, hartnäckigen Ärztin. Heutzutage kann man frisches Weizengras zur Saftherstellung im Online-Shop kaufen. Wer etwas Geld sparen möchte, baut selbst Weizengras an. Man braucht dafür spezielle Ausrüstung, vorallem richtige Schalen. Im Onlineshop vom Weizengrasversand.de sind diese erhältlich. Auch eine geeignete Saftpresse ist wichtig. Guten Appetit auf Weizengrassaft!

Anonym hat gesagt…

HI,
ein herrlich geschriebener Text und es spricht mir aus der Seele!
Mir würde als Ersthundebesitzer bei unserem ersten Tierarztbesuch zum impfen auch eine "Futterberatung" aufgeschwatzt (die ich aus Protest aber nicht bezahlt habe!). Dort wurde uns auch nur Hills und noch was anderes günstigeres als DAS Futter angedreht. Die Dame hatte ein Hills-Poloshirt an.. komisch!
Nun ja, man lernt aus Fehlern, wir haben das Zeug natürlich nicht gekauft!

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