Freitag, 3. März 2017

Bioverfügbarkeit – eine Erfindung der BARF-Szene?

Wer sich intensiver mit Nährstoffbedarfswerten beschäftigt hat, kommt um die Thematik der „Bioverfügbarkeit“ nicht herum. Ob im Bereich der Humanernährung oder beim Tierfutter, immer wieder taucht der Begriff auf. Trotz dieser Tatsache gibt es immer wieder böse Zungen, die behaupten, die Bioverfügbarkeit sei ein Hirngespinst, eine Erfindung der BARF-Szene oder sei vollkommen irrelevant, wenn es um das Thema Bedarfswertdeckung geht. Spätestens, wenn es darum geht, den Bedarf an bestimmten Nährstoffen zu berechnen, wird das Thema im Bereich der artgerechten Ernährung von Hunden leider zu oft ignoriert. Bei genauerer Betrachtung wird jedoch klar, dass der Begriff nicht nur existiert, sondern von sehr großer Bedeutung ist, wenn es darum geht, welche Bedarfswerte in welchem Fall anzusetzen sind.


Haben die Barfer dieses Wort erfunden?

Dass der Begriff Bioverfügbarkeit keine kreative Wortschöpfung von Barfern ist, belegt bereits ein simpler Blick auf www.duden.de. Dort ist zu entnehmen:
Bio|ver|füg|bar|keit, Substantiv, feminin, Qualitätsmaßstab zur Bewertung von Arzneimitteln, der den Prozentsatz des Arzneistoffs angibt, der nach Aufnahme in den Blutkreislauf in wirksamer Form zur Verfügung steht.
Eigentlich stammt der Begriff offenbar aus dem Bereich der Pharmakologie. Wer sich mit einer Duden- oder Wikipedia-Recherche zufrieden gibt, mag durchaus zu dem Schluss kommen, dass es das Wort vielleicht tatsächlich gibt, es aber offenbar etwas mit Arzneimitteln zu tun hat und daher mit Bedarfswerten oder Nahrungsmitteln rein gar nicht in Verbindung gebracht werden kann.

Hat die Bioverfügbarkeit irgendetwas mit der Ernährung zu tun?

Ein solcher Trugschluss ist jedoch lediglich das Ergebnis oberflächlicher Recherche. Spätestens, wenn man ein paar Fachbücher in die Hand nimmt (und dafür muss man sich leider oft englischsprachiger Literatur widmen), wird sofort deutlich, dass der Begriff viel weiter gefasst werden muss. Wie bei allen wissenschaftlichen Termini, gibt es auch für die Bioverfügbarkeit in Bezug auf die Ernährung eine Reihe von Definitionen.

Eine gut verständliche Definitionsvariante ist die folgende [1]:
Bioverfügbarkeit, E bioavailability, Bezeichnung für das Ausmaß, in dem eine Substanz aus ihrer Lebensmittelmatrix freigesetzt und resorbiert bzw. am Wirkort verfügbar wird. […] Faktoren, die die Bioverfügbarkeit beeinflussen sind die Denaturierung während der Lebensmittelzubereitung und der Verdauung (Freisetzung aus der zellulären Matrix), die Anwesenheit von Stoffen, die um den gleichen Absorptionsweg konkurrieren (Kupfer und Eisen hemmen die Zinkabsorption), Komplexbildner (Phytat bildet mit Eisen Komplexe und hemmt so die Eisenabsorption), sowie Stoffe, die die Komplexbildung hemmen (Vitamin C fördert die Eisenresorption, indem es die Bildung von Eisen-Phytat-Komplexen verhindert).

Demnach hat die Bioverfügbarkeit tatsächlich etwas mit der Ernährung zu tun und beschreibt welcher Anteil eines Nährstoffs dem Körper letztendlich zur Verfügung steht. Manchmal werden in der Literatur auch die Begriffe „Absorption“ oder „Verfügbarkeit“ synonym verwendet. Im Humanernährungsbereich wird in wissenschaftlichen Publikationen stets die Bioverfügbarkeit von Nährstoffen erwähnt, weil sie entscheidend dafür ist, ob die aufgenommenen Nährstoffe letztendlich auch vom Körper absorbiert werden können. Näheres zu diesem Thema findet man zum Beispiel beim Institute of Medicine of the National Acadamies.[2]


Ist die Bioverfügbarkeit auch für Tiere von Belang?

Nachdem nun geklärt ist, dass der Begriff existiert und auch in Zusammenhang mit der menschlichen Ernährung eine große Rolle spielt, könnte man argumentieren, dass dies jedoch auf Hunde nicht zutreffen würde. Diese Behauptung kann allerdings nur aufstellen, wer die entsprechenden Publikationen ignoriert. Betrachtet man zum Beispiel das Standardwerk des National Research Counsil (NRC) „Nutrient Requirements of Dogs and Cats“, in dem alle heute gültigen Bedarfswerte für Hunde erläutert werden, genügt schon ein Blick ins Stichwortverzeichnis (siehe Foto oben), um eines besseren belehrt zu werden. In jedem Kapitel, zu jedem einzelnen Nährstoff wird auf die Faktoren eingegangen, die die Aufnahme von Nährstoffen behindern oder begünstigen – überall prangt die Überschrift „Absorption“ oder „Absorption and Bioavailability“. Aber dafür ist es notwendig, das gesamte Werk zu lesen und nicht nur die Bedarfswert-Tabellen im Anhang aufzuschlagen und sich mit diesen zu befassen.

So findet sich z. B. auf S. 174 das folgende Zitat für das Beispiel Zink (Übersetzung in der Fußnote)[3]:
The absorption of dietary Zn is largely a function of other substances in the diet that alter its bioavailability. Most animal products [...] are free of constituents that interfere with Zn absorption and […] amino acids derived from meat digestion may actually improve the absorption of Zn. Vegetable products are more likely to contain chemicals that interfere with Zn absorption, the most notable of these being phytate.
Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn man die „Klinische Diätetik der Kleintiere“ studiert, auch dort finden sich zahlreiche Anmerkungen, hier unter dem Begriff „Verfügbarkeit“, z. B. auf S. 87:
Ob ein Futtermittel im Hinblick auf die darin enthaltenen Mineralstoffe ausreichend ist, ist nicht immer vorherzusagen, da die Verfügbarkeit der Mineralstoffe von einer Reihe von Faktoren bestimmt wird. […] Warum Mineralstoffe aus Futtermitteln tierischen Produkten in der Regel besser genutzt werden als Mineralstoffe aus pflanzlichen Produkten, wird auch durch den „Fleischfaktor“-Effekt erklärt: Die Resorption des im Fleisch enthaltenen verwertbaren Mineralstoffs, der darauf beruht, dass andere Nährstoffe im Futtermittel verstärkt werden. Außerdem enthält Fleisch im Gegensatz zu Pflanzen keine Faktoren, die die Verwertung der Mineralstoffe entgegenwirken und diese verringern, wie es beispielsweise bei Phytat, Oxalat, Goitrogenen und bestimmten Ballaststoffen der Fall ist.
Weiter auf S. 95 am Beispiel Zink:
Für Kleintierfutter ist ein Zinkmangel vermutlich ein größeres Problem als ein Überschuss, da: (1) Zink in höheren Mengen relativ unbedenklich ist und (2) seine Verwertbarkeit durch eine Reihe anderer Faktoren verringert wird (Phytat, hohe Gehalte an Kalzium […]). Die antagonistische Wirkung des Kalziums ist am größten in Gegenwart von Phytat, was die Bildung hochgradig unlöslicher Komplexe aus Phytat, Kalzium und Zink auslöst.
Offensichtlich spielt die (Bio)verfügbarkeit also auch für unsere Vierbeiner eine große Rolle, denn auch dort gibt sie Auskunft darüber, wie viel eines zugeführten Nährstoffs dem Organismus tatsächlich zur Verfügung steht. Bestimmte Futterkonstellationen beeinflussen die Bioverfügbarkeit. So spielt die Herkunft des Nährstoffes ebenso eine Rolle wie die Anwesenheit s. g. Störstoffe (auch Antinährstoffe, diätische Antagonisten) wie etwa Phytat (vorkommend in Mais, Weizen, Soja etc.) oder Oxalsäure (vorkommend in Rhabarber, Roter Beete etc.).


Was hat die Bioverfügbarkeit mit den Bedarfswerten zu tun?

Die Bioverfügbarkeit existiert also und ist bei sowohl bei der menschlichen als auch hündischen Ernährung von Bedeutung. Wie aber kann die Verfügbarkeit von Nährstoffen mit Bedarfswerten in Verbindung gebracht werden? Ganz einfach: Sie beeinflusst die Höhe der Bedarfswerte. Besitzt ein Nährstoff unter Berücksichtigung der oben genannten Faktoren eine hohe Bioverfügbarkeit, so ist der Bedarfswert geringer als bei einer niedrigen Bioverfügbarkeit. Liegt ein Nährstoff also in einer schlecht verwertbaren Form vor oder wird von anderen Stoffen in seiner Aufnahme gehemmt (z. B. durch Phytat), so erhöht sich der Bedarfswert. Im Bereich der Humanernährung wird das berücksichtigt, wie etwa am Beispiel des Zinkbedarfs ersichtlich (Übersetzung in der Fußnote):
The bioavailability of zinc in vegetarian diets is reduced if phytate content in the diet is high, resulting in low zinc status… Yet, the requirement for dietary zinc may be as much as 50 percent greater for vegetarians.[4]
Ein Mensch, der sehr hohe Phytatgehalte in seiner Nahrung vorfindet, weil er beispielsweise viel Mais, Weizen oder Soja konsumiert, hat einen wesentlich höheren Zink-Bedarf als jemand, der eher fleischlastig isst. Der Unterschied zeigt sich im eklatanten Unterschied beim Bedarfswert für Vegetarier: Er ist doppelt so hoch wie der eine "Fleischessers"! Nun ist es so, dass wir Menschen je nach Präferenz und Verfügbarkeit verschiedene Ernährungskonzepte verfolgen. Die einen sind Veganer, die anderen Vegetarier und wieder andere essen auch oder fast nur Fleisch. Dieser Umstand spiegelt sich dann korrekterweise in den Bedarfswerten wider.

Die Bedarfswerte für Vierbeiner hingegen berücksichtigen nur eine Ernährungsform, nämlich jene, die in Industrieländern heute am weitesten verbreitet ist: Getreidebasiertes Fertigfutter. Über 90 % der Hund werden so ernährt. Sich an denen zu orientieren, ist auch notwendig, denn eigentlich sind diese Bedarfswerte dafür gedacht, ein bedarfsdeckendes Fertigfutter konzipieren zu können. Betrachtet man z. B. wie sich das Futter der Laborhunde zur Ermittlung des Zinkbedarfs zusammengesetzt hat, so wird deutlich, dass Bedarfswerte auf eine bestimmte Art der Zusammensetzung abzielen, die mit artgerechter Ernährung nicht viel zu tun hat.

Laborfutter zur Ermittlung des Zinkbedarfs für Hunde (100 g):[5]
Sojamehl: 40 g
Maiskörner: 35 g
Zucker: 10 g
Schmalz: 10 g
Vitaminmischung: 1 g
Zink: 4 g
Calcium: 0,3–2 g
Augenscheinlich enthalten 75 % der Bestandteile dieses Laborfutters den Stoff Phytat, der die Aufnahme von Zink hemmt. Im Bedarfswert wird dem Rechnung getragen, indem davon ausgegangen wird, dass nur 25 % des aufgenommenen Zinks überhaupt bioverfügbar sind. Das erhöht den Bedarfswert auf das Vierfache.

In einer BARF-Ration befinden sich aber kaum Futtermittel, die solche Störstoffe liefern und zudem stammt das Zink auch noch aus tierischen Zutaten, wird also besser aufgenommen. Weitere Faktoren wie geringere Calciumgehalte bei BARF spielen ebenfalls eine Rolle. Die Bioverfügbarkeit des Zinks ist in einer BARF-Ration daher wesentlich höher als in einem Trockenfutter mit Mais, Weizen und Soja, also muss der Bedarfswert auch geringer sein. Das ist auch der Grund dafür, warum der „offizielle Bedarfswert“ mit natürlichen Futtermitteln nicht erreicht werden kann, sich aber auch nach Jahren kein Zinkmangel beim korrekt gebarften Hund einstellt.

Leider gibt es keine offiziellen Bedarfswerte für gebarfte Tiere, sondern nur die NRC-Bedarfswerte, die für Fertigfutter gelten. Die unterschiedliche Ernährungsbasis zu ignorieren und mit NRC-Werten bei gebarften Hunden zu rechnen, ist methodisch nicht korrekt, denn dabei wird die Bedeutung der Bioverfügbarkeit, die ganz offensichtlich keine Erfindung der Barfer-Szene ist, komplett außer Acht gelassen.



__________________________
[1] http://www.spektrum.de/lexikon/ernaehrung/bioverfuegbarkeit/1124

[2] https://www.nal.usda.gov/sites/default/files/fnic_uploads/DRIEssentialGuideNutReq.pdf

[3] Übers. d. Verf.: Die Absorption von Zn in der Nahrung ist weitgehend abhängig vom Vorhandensein anderer Substanzen in der Ernährung, die die Bioverfügbarkeit verändern. Die meisten Tierprodukte [ ...] sind frei von Bestandteilen, die die Zn -Absorption beeinflussen und [ ...] Aminosäuren, die aus der Fleischverdauung stammen, verbessern die Aufnahme von Zn tatsächlich. Pflanzliche Produkte neigen eher dazu, Stoffe zu enthalten, die die Zn-Absorption beeinflussen, die wichtigste davon ist Phytinsäure.

[4] NRC (2006): Dietary Reference Intakes: The Essential Guide to Nutrient Requirements, S. 344. 
Übers. d. Verf.: „Die Bioverfügbarkeit von Zink in einer vegetarischen Ernährung verringert sich, wenn der Phytatgehalt in der Nahrung hoch ist, was zu einem niedrigen Zinkstatus führt... Der Zinkbedarf kann für Vegetarier um 50 % höher sein.“

[5] Robertson, B. & Burns, M. (1963): „Zinc metabolism and the zinc-deficiency syndrome in the dog”

Mittwoch, 11. Januar 2017

Jetzt BARF Forschung unterstützen!

Wer sich mal etwas intensiver mit der Forschung rund um die artgerechte Ernährung von Hunden befasst hat, dem wird schnell klar, dass objektive Studien Mangelware sind. Wenn es um BARF geht, kennt die Forschung nur eine Richtung: Rohes Futter soll gefährlich sein. Tausende von Hundehaltern berichten aber genau das Gegenteil.

Sie stellen ihre Hunde auf BARF um und auf einmal verschwinden viele Gesundheitsprobleme und selbst wenn gar keine bestanden, macht der Hund gesünderen Eindruck: glänzendes Fell, weniger Hundegeruch, saubere Zähne & Ohren. Natürlich ist eine artgerechte Ernährung kein Allheilmittel, aber wenn die Tierhalterberichte flächendeckend so stark positiv sind, wie kann es dann sein, dass die Forschung andere Ergebnisse hervorbringt?

Damit die positiven Geschichten rund um BARF endlich mehr werden als eine große Anzahl von Anekdoten, hat sich ein kleines Forscherteam aus Finnland vorgenommen, unabhängig zu forschen und zu beweisen, was wir Tierhalter schon längst vermuten: Die Ernährung hat einen großen Einfluss auf die Gesundheit unserer Hunde und BARF ist ein positiver Faktor dabei.

Nun ist Forschung aber recht kostenintensiv und selbstverständlich haben die großen Futtermittelkonzerne überhaupt gar kein Interesse daran, eine Forschung zu finanzieren, die belegt, dass BARF dem Industriefutter überlegen ist. Also sind wir gefragt! Lasst uns per Crowdfunding Geld für die wenigen Wissenschaftler sammeln, die davon überzeugt sind, dass sich BARF positiv auf unsere Tiere auswirkt.

Jeder kann einen Beitrag leisten. Jeder Euro zählt! Und für wen auch das nicht finanzierbar ist, der kann die Aktion gern teilen und somit für eine Verbreitung sorgen.

JETZT BARF-Forschung UNTERSTÜTZEN
(Auf der Seite nach unten scrollen für den deutschen Text)

Auf der Seite findet Ihr sämtliche Details zum Crowdfunding-Projekt von Prof. Dr. Anna Hielm-Björkman. Ich durfte sie übrigens persönlich kennen lernen und mich mit ihr stundenlang über für gebarfte Hunde unpassende NRC-Bedarfswerte und die Vorteilhaftigkeit von Frischfütterung austauschen. Ihr eigener Hund Lyra wird natürlich gebarft. Keine Frage! In den kommenden Tagen werde ich ein Interview mit ihr veröffentlichen.



Mittwoch, 16. November 2016

Der Weg durch den Fertig-BARF-Dschungel

BARF ist artgerecht, BARF ist gesund, BARF ist natürlich. Soweit so gut. Aber BARF erscheint vor allem Neulingen häufig etwas kompliziert und aufwendig. Aus diesem Grund wagen viele Tierhalter den Einstieg in die Rohfütterung mit Fertig-BARF-Menüs. Das ist ein guter Anfang! Mittlerweile gibt es sehr viel Auswahl, allerdings entspricht leider nicht alles, wo BARF drauf steht, tatsächlich auch dem Beutetiermodell (mehr dazu…). Es tummeln sich leider viele Pseudo-BARF-Menüs am Markt. Deswegen kommt es durchaus vor, dass die Fütterung solcher Menüs viel komplizierter ist als es auf den ersten Blick erscheint. Denn einige Sorten werden erst dann richtige BARF-Rationen, wenn sie geschickt und wohl durchdacht miteinander kombiniert werden. Aber gerade das ist für einen BARF-Neuling doch das Problem, denn es erfordert recht umfangreiches Vorwissen. Jene, die sich dieses Wissen noch nicht angeeignet haben, fragen sich sicherlich: Woran erkennt man denn nun ein gutes Fertig-BARF-Menü? Was sind die Fallstricke und worauf muss man achten?

Unklare Deklaration

Der Vorteil von BARF ist u. a., dass man genau weiß, was man füttert. Man kennt jede Komponente und kann entscheiden, ob etwas gefüttert werden soll oder nicht. Das ist bei Fertig-BARF leider nicht immer der Fall. Ähnlich wie bei Fertigfutter findet man dort mehr und mehr die halboffene Deklaration vor.

Beispiel für offene Deklaration:

40% Kronfleisch vom Rind, 16 % Hühnerhälse, 12 % Rinderpansen, 8 % Karotten, 5 % Spinat, 5 % Apfel, 4% Rinderleber, 4% Rinderniere, 4 % Rindermilz, 1 % Lachsöl, 0,8 % Petersilie, 0,1 % Ascophyllum Nodosum ( Seealgen), 0,1 % Dorschlebertran

In diesem Beispiel sind alle Inhaltsstoffe genau nachvollziehbar. Hier kann der Tierhalter sehr gut nachvollziehen, welche Komponenten verarbeitet wurden.

Beispiel für halboffene Deklaration:

64 % Rind (z. B. Fleisch, Pansen, Leber), 16 % Huhn, 18 % Gemüse und Obst, 2 % Öle, Kräuter und Algen

Diese Form der Deklaration ist problematisch: Der Käufer weiß nicht, wie sich „Rind“ und „Huhn“ genau zusammensetzen. Es ist unklar, welche Öle verwendet wurden, ob sich Knochen im Futter befinden, ob genügend Innereien vorhanden sind und in welcher Menge nun die Algen dosiert wurden. Dort sollte man nach Details fragen.

Unpassender Pflanzenanteil

Obst und Gemüse versorgen den Vierbeiner mit Ballaststoffen. Diese benötigt er dringend (mehr dazu…). Allerdings sollte der Obst- und Gemüseanteil bei BARF 20 % der Ration nicht überschreiten. Zu hohe Anteile an Pflanzenmaterial senken die Verdaulichkeit der Ration und erzeugen unnötig große Kotmengen. Auch sollten bestimmte Sorten nicht enthalten sein (z. B. Erbsen, Kohl, Bohnen, Avocados), weil diese ungeeignet oder sogar für Hunde giftig sind. Getreide, Pseudo-Getreide oder Kartoffeln können bei BARF durchaus auch eingesetzt werden, aber die Gesamtmenge sollte 12 % nicht überschreiten, weil große Mengen Kohlenhydrate durchaus Nachteile haben können (mehr dazu…).

Achtung, manche Anbieter führen die Komponenten einzeln auf, damit es nicht so viel erscheint: 10 % Kartoffeln, 10 % Karotten, 10 % Hafer, 5 % Amaranth, 4 % Apfel – Das wäre zu viel!

Fehlendes Muskelfleisch

Ein weiteres Problem, was auftreten kann, ist fehlendes oder zu wenig Muskelfleisch. An Stelle von richtigem Fleisch sind in manchen Menüs bindegewebsreiche Schlachtabfälle z. B. Euter, Knorpel & Sehnen, Kehlkopf, Strossen, Hoden, Lunge als Hauptproteinquelle enthalten oder das eingesetzte Fleisch ist Separatorenfleisch. Diese Zutaten sind in großen Mengen ungeeignet, denn diese Bestandteile liefern kein hochwertiges Protein mit passender Aminosäurenzusammensetzung (mehr dazu…). Viel Bindegewebe wirkt sich außerdem negativ auf die Kotbeschaffenheit aus und kann Blähungen erzeugen. Der Anteil der bindegewebsreicher Schlachtabfälle sollte insgesamt 5 % nicht überschreiten.

Zu Matsch gewolft

Auch bis zur Unkenntlichkeit fein gewolfte, fast schon pastöse Fertig-Menüs können ein Problem sein. Auf diese Weise kann man nicht mehr erkennen, was verarbeitet wurde. Fein gewolft sieht Kehlkopf auch nicht anders aus als Muskelfleisch. Woher weiß der Halter, was er nun füttert? Das mag durch eine gleichzeitige offene Deklaration aufgefangen werden, aber leider ist es auch so, dass die bakterielle Belastung steigt, je feiner gewolft wird (die vergrößerte Oberfläche und der bessere Sauerstoffkontakt begünstigen das). Und die Verdaulichkeit ist aufgrund schnellerer Magenpassage ebenfalls geringer (mehr dazu…). Besser sind grob gewolfte Menüs oder noch besser noch Varianten mit Stücken drin.

Zu geringer Fettanteil

Viele Halter stellen auf BARF um, weil sie kohlenhydratarm füttern möchten. Der Ansatz ist gut, aber dann muss natürlich der Fettgehalt der Ration ansteigen, um die Energieversorgung des Tieres sicherzustellen. Muss der Körper dauerhaft Proteine als Energiequelle nutzen, schädigt das die Nieren und die Leber des Hundes. Aus diesem Grund sollte der Fettanteil eines Menüs mindestens 10 % betragen. Wichtig ist auch, dass dieser Fettanteil sich aus den richtigen Fetten ergibt: Es müssen hauptsächlich tierische Fette sein, da sonst der Körper mit der s. g. Lipidperoxidation belastet wird. Öle, eignen sich dazu also nicht und schaden mehr als dass sie nutzen (mehr dazu…). Ist nicht genug Fett enthalten, kann es durch den Halter nachträglich ergänzt werden.

Schilddrüsengewebe

Das Verfüttern von Schilddrüsengewebe führt immer wieder dazu, dass Hunde beim Tierarzt landen. Die Folge ist eine s. g. Thyreotoxicosis factitia, also eine Art Schilddrüsenüberfunktion durch die überhöhte Zufuhr von Schilddrüsenhormonen. Dies kann den gesamten Hormonhaushalt durcheinander bringen. Daher sollte das Fertig-BARF-Menü am besten frei von Schilddrüsengewebe sein. Die Schilddrüse befindet sich bei Säugetieren im Kehlkopf, bei Vögeln im Brustbereich. Also sollte kein Kehlkopf in der Mischung verarbeitet sein oder die Schilddrüse muss entfernt werden. Auch bei Kopf- und Schlundfleisch sollte man Obacht geben. Am besten lässt man sich vom Anbieter bestätigen, dass kein Schilddrüsengewebe verarbeitet wurde.

Ungünstige Innereienmenge und -verteilung

Dass BARF nur dann BARF ist, wenn das Beutetiermodell berücksichtigt wird, gilt auch im Hinblick auf die eingesetzten Innereien. Da Innereien die wichtigsten Vitamin- und auch Mineralstofflieferanten bei BARF sind, sollte die Menge und Verteilung bestimmten Regeln folgen, denn nicht jede Innerei liefert die gleiche Nährstoffdichte (mehr dazu…). Leider findet man immer wieder Menüs, die die Verhältnisse im Beutetier nicht wirklich gut abbilden. Es gibt verschiedene Ausprägungen der Problematik:

Zu geringer Anteil

Das Menü sollte idealerweise zu etwa 12 % aus Innereien bestehen, 10 % sind auch in Ordnung oder auch 15 %. Darunter sind Leber, Niere und Milz zu verstehen, aber auch Herz und Lunge. Euter und Kehlkopf sind keine Innereien, auch Pansen oder andere Mägen werden nicht diesem Bereich zugeordnet.

Zu hoher Anteil

Manchmal werden auch zu große Mengen eingesetzt. Vor allem Herz und Lunge findet man in manchen Menüs in Größenordnungen, die mit dem Aufbau eines Beutetiers nichts gemein haben. Ein typisches Beutetier wie ein Kaninchen besteht etwa zu 0,3 % aus Herz und zu 0,5 % aus Lunge. Aus diesem Grund machen größere Mengen nicht unbedingt Sinn.

Ungünstige Zusammensetzung

Auch das kann ein Problem sein. Der Hauptteil der genannten 12 % an Innereien, die im Futter vorhanden sein müssen, sollten mindestens 1/3 Leber und Niere, Milz, Herz sowie Lunge zu gleichen Teilen sein. Am wichtigsten ist Leber! Es ist also nicht sinnvoll, wenn in einem Menü 20 % Lunge, 10 % Herz und 5 % Leber enthalten sind. Das entspricht nicht der Aufteilung im Beutetier und würde außerdem eher nährstoffarme Innereien zuführen. Die wichtigsten Innereien sind tatsächlich Leber, gefolgt von Niere und Milz. Ob jetzt noch Herz oder Lunge (in entsprechend geringen Mengen) vorhanden ist, spielt eine eher untergeordnete Rolle.


Falsche Knochenmengen

Die Berücksichtigung des Beutetiermodells und damit die Einhaltung einer korrekten Zusammensetzung der Ration scheitert sehr häufig bei der verwendeten Menge an den rohen, fleischigen Knochen (RFK = ½ Knochen, ½ Fleisch). Diese liefern dem Hund sehr viel Calcium, Phosphor, aber auch Magnesium, Natrium und Zink. Aber sie sind auch nicht besonders leicht verdaulich. Daraus folgt, dass ein nicht korrekte Mengen an RFK Mineralstoffmängel oder Verdauungsprobleme wie Knochenkot (mehr dazu hier…) oder Verstopfungen provozieren können. Denn Beutetiere, wie ein Hund sie fressen könnte, bestehen nur zu 4–8 % aus blanken Knochen und das muss auch so umgesetzt werden.

Zu geringer Anteil

Der RFK-Anteil sollte bei gemischten Knochen ca. 12 %, bei weichen Knochen ca. 16 % betragen, sonst ist die Deckung des Bedarfs an den genannten Mineralstoffen nicht gewährleistet. Auch hier sind gewisse Abweichungen natürlich tolerierbar - die Natur kennt keine Feinwaagen oder Nährwerttabellen. Unter weichen RFK werden Knochen mit geringerem Mineralstoffgehalt, also z. B. Hühnerhälse, Hühnerflügel, Hühnerkarkassen etc. verstanden. Bei gemischten RFK kommen noch härtere Knochen wie etwa Lammrippen oder Rinderbrustbein hinzu. Es muss also auf die Zusammensetzung geachtet werden – auch aus diesem Grund ist die bereits genannte offene Deklaration sehr wichtig.

Zu hoher Anteil

In einigen Menüs finden sich RFK-Anteile, die weit jenseits der genannten 12 % oder 16 % liegen. Teilweise werden Mengen von bis zu 50 % verarbeitet oder gar keine RFK. Ein solches Menü sollte man nicht dauerhaft und alleinig füttern. In dem Fall sollte dann eine Kombination mit einem Futter erfolgen, in dem gar keine RFK enthalten sind oder eben umgekehrt, sodass letztendlich der bereits genannte Anteil ungefähr erreicht wird.

Knorpel als Calciumlieferant

In einigen Menüs werden Knorpel als Calciumlieferant verarbeitet. So finden sich dann zu große Mengen an Kehlkopf, Luftröhre oder Gelenkknorpel im Menü, ohne die normalen Verhältnissen im Beutetier zu berücksichtigen. Knorpel weist aber leider nur einen Calciumgehalt von ca. 40 mg pro 100 g auf – also sogar weniger als in Milchprodukten oder Pansen. Im Gegensatz dazu liefern die bei BARF üblicherweise eingesetzten RFK um die 2.000 mg pro 100 g. Um es zu verdeutlichen: Ein 30 kg Hund müsste 4 kg (!) Knorpel am Tag fressen, um seinen Bedarf an Calcium zu decken, aber nur 80 g ganz normale RFK, um das gleiche Ergebnis zu erreichen. Es ist also naheliegend, dass eine ausreichende Calciumversorgung mit Knorpel nicht erreichbar ist. Hinzu kommt, dass Knorpel insgesamt nicht besonders nährstoffreich und das enthaltene Protein schwer verdaulich ist – es ist also nicht sinnvoll, größere Mengen davon zu verarbeiten. Aus diesen Gründen sollte der Anteil an Knorpel im Menü 2 % nicht überschreiten, stattdessen sollte eine ausreichende Menge RFK enthalten sein.

Unpassende Öle

Hunde haben einen gewissen Bedarf an essenziellen Fettsäuren. Diese Fettsäuren sind in natürlichen Beutetieren in ausreichender Menge und vor allem in einem idealen Verhältnis enthalten. Leider hat die konventionelle Haltung (s. g. Massentierhaltung) einen negativen Effekt auf die Fettsäurenzusammensetzung der Schlachttiere. Aus diesem Grund müssen BARF-Rationen mit Omega-3-Fettsäuren-lastigen Ölen ergänzt werden. (mehr dazu hier…) Aufgrund der bereits genannten Gefahr der Lipidperoxidation sollten diese Öle auch nur zu diesem Zweck und in geringen Mengen eingesetzt werden. Am besten eigenen sich hierfür Fischöle, weil darin bestimmte Fettsäuren (z. B. EPA, DHA) in einer Form vorliegen, die der Hund direkt nutzen kann. Bei Pflanzenölen ist dies nicht der Fall. Dort muss der Hund selbst die Umwandlung vornehmen. Allerdings kann er das nur in geringem Umfang. Hinzu kommt, dass Pflanzenöle nachgewiesenermaßen das Fortschreiten von Nierenerkrankungen begünstigen, weshalb es sicher sinnvoll ist, sie auch bei gesunden Tieren gar nicht erst einzusetzen. Sonnenblumenöl, Maiskeimöl oder Olivenöl sind daher ungeeignet. Aus diesem Grund sollte das Futter am besten Fischöle (1 % der Ration) oder gar keine Öle enthalten. In letzterem Fall kann der Tierhalter das Öl ganz einfach selbst ergänzen.

Notwendige Supplemente

In einem Beutetier ist alles enthalten, was ein Hund benötigt, um sich bedarfsgerecht zu ernähren. Leider ist es heute nicht jedem Tierhalter möglich, komplette Beutetiere mit Haut und Haar aus Weidehaltung zu füttern. Daher ist es fast immer notwendig, bestimmte Supplemente einzusetzen, um etwa den Jod- oder Vitamin-D-Bedarf des Tieres zu decken oder ein Missverhältnis an Fettsäuren auszugleichen, weil das Fleisch aus s. g. Massentierhaltung stammt. Werden keine RFK gefüttert, muss außerdem auch Calcium supplementiert werden.

Fehlende Supplemente

Unter den heutigen Umständen ist es fast immer nötig, jodhaltige Seealgen (Ascophyllum Nodosum) und Fischöl zum Ausgleich der Fettsäuren und ggf. auch Lebertran als Vitamin-D-Lieferanten zu ergänzen. Einige BARF-Menüs enthalten diese Supplemente nicht (manchmal übrigens aufgrund gesetzlicher Bestimmungen im Hinblick auf die Deklaration als Allein- oder Ergänzungsfuttermittel). Dies ist nicht weiter tragisch und für Allergiker sogar von Vorteil, denn der Tierhalter kann diese Zusätze problemlos selbst ergänzen, sodass eine Bedarfsdeckung stattfindet. Die Zusätze zu dosieren, ist einfach, sodass einer ausgewogenen Ration nichts im Wege steht.

Falsch dosierte Supplemente

In einigen Menüs sind die genannten Supplemente zwar enthalten, aber entweder zu niedrig oder zu hoch dosiert. Seealgen und Lebertran sollten etwa zu 0,1 % in der Ration enthalten sein, Fischöle zu 1 % und Calciumcitrat (falls keine RFK enthalten sind) zu 1,2 %. Eine Überdosierung kann dabei genauso schädlich sein wie eine Unterdosierung. Wobei in beiden Fällen entweder durch eine geschickte Kombination mit einem Menü, welches keine Supplemente enthält oder eben durch nachträgliche Ergänzung, Abhilfe geschaffen werden kann.

Fragwürdige Supplemente

Immer wieder stolpert man bei Fertig-BARF über dubiose Supplemente, die aus unerklärlichen Gründen in den Menüs landen. Einige davon sind einfach nur unnötig, andere nachteilig und einige wiederum sogar gesundheitsschädlich, weil giftig für Hunde oder in gewissen Mengen auch problematisch. Die Liste ist nicht vollständig. Im Zweifel sollte man sich informieren, ob ein Supplement wirklich sinnvoll ist.

Beispielsweise sollten folgende Supplemente nicht enthalten sein:

Algenkalk / Calciumcarbonat: Trifft Calciumcarbonat auf die Salzsäure, die sich im Magensaft des Hundes befindet, so entsteht Calciumchlorid und Kohlensäure. Letztere wird aus dem Magen ausgetrieben und entfällt somit als Säurungsfaktor. Die eigentlich starke Magensäure wird damit weniger effektiv. Zudem reißt die aufsteigende Kohlensäure winzige Mengen an Magensaft mit sich (ähnlich wie beim Sprudelwasser in einem Glas) und reizt damit die Speiseröhre. Da viele Hunde ohnehin schon unter einem Mangel an Magensäure und damit verbundenem Sodbrennen leiden, ist die Verwendung von Calciumcarbonat als Calcium-Quelle häufig nicht von Vorteil.

Traubenkernextrakt: Trauben sind giftig für Hunde. Es ist noch nicht erforscht, welcher Inhaltsstoff in den Rebenfrüchten zum Nierenversagen führt. Ist es die Haut? Sind es die Kerne? Vielleicht der Saft? Das eingesetzte Spritzmittel? Wie hoch darf die Dosis genau sein? Solange das unklar ist, sollte vorsichtshalber nichts von der Traube gefüttert werden.

Heilerde: Diese Erden binden Mineralstoffe, sodass sie dem Körper nicht mehr zur Verfügung stehen. Außerdem wirken sie magensafthemmend, was häufig kontraproduktiv ist. Heilerde sollte nur im Bedarfsfall (z. B. Durchfall) und dann auch nicht mit den Mahlzeiten, sondern dazwischen verfüttert werden.

Heilpflanzen: (siehe unten)

Synthetische Zusätze

Dieser Punkt wird meistens als s. g. Ernährungsphysiologische Zusatzstoffe gekennzeichnet. In den seltensten Fällen handelt es sich bei diesen Zusätzen, um Vitamine oder Mineralstoffe natürlichen Ursprungs. Es sind in der Regel synthetische Supplemente. Das widerspricht eigentlich dem Gedanken einer naturnahen Ernährung mit BARF, bei der eben solche Inhaltsstoffe vermieden werden sollten. Leider stehen synthetische Vitamine zudem im Verdacht, gesundheitsschädlich zu sein. Manche sind sogar krebserregend, sodass sie im Humanbereich schon seit Jahrzehnten verboten sind (z. B. Vitamin K3). Ein gut konzipiertes Menü ist bedarfsdeckend und kommt ganz ohne synthetische Zusatzstoffe aus. Es gibt auch natürliche Vitamine, z. B. aus Ölauszügen oder Pflanzenextrakten, aber die sind wesentlich teurer als die synthetische Variante. Man sollte also beim Anbieter nachfragen, was genau eingesetzt wird, um sicherzugehen.

Heilpflanzen

Ein weiteres Problem, was in einigen Fertig-BARF-Menüs auftritt, ist die unüberlegte Zugabe von Heilpflanzen. Es gibt einige Kräuter, die man problemlos als Futterkräuter einsetzen, also dauerhaft füttern kann. Aber nur weil ein Kraut bei bestimmten Erkrankungen hilfreich sein kann, heißt es nicht, dass die Dauergabe bei einem gesunden Tier sinnvoll ist. Leider werden auch manchmal für Hunde giftige Pflanzen verwendet (bei Katzen ist das übrigens noch problematischer, weil sie wesentlich empfindlicher sind). Daher sind Heilpflanzen im Fertig-BARF mit Vorsicht zu genießen und im Zweifel abzulehnen.

Futterkräuter: z. B. Petersilie, Brennnessel, Löwenzahn, Giersch, Alfalfa, Dill oder Klee.

Heilpflanzen: z. B. Weidenrinde, Teufelskralle, Beinwell, Himbeerblatt oder Mariendistel, Chlorella, Yamswurzel, Schwarzkümmelsamen, Yucca.

Man sollte vorsichtshalber einen Kräuterfachkundigen fragen, bevor man eine Pflanze dauerhaft füttert, die nicht geeignet ist. Einige Anbieter neigen auch dazu, die verwendete Kräutermischung nicht näher zu definieren. In der Deklaration ist dann nur von „Kräuter“ die Rede. In dem Fall sollte man nachfragen, um welche Kräuter es sich handelt.

Zusammenfassung

Im Folgenden sind die Punkte, die es zu beachten gilt, noch einmal tabellarisch aufgezeigt. Für manche Probleme mit Fertig-BARF-Menüs gibt es eine einfache Lösung. Ist zum Beispiel in einem Menü zu viel Knochen enthalten und es gibt eins mit wenig Knochen, dann kann man diese Menüs im Wechsel füttern, um das Verhältnis auszugleichen. Bei einigen Menüs fehlen lediglich Fett oder notwendige Zusätze – diese kann man problemlos nachträglich hinzufügen. Bei einigen Fertig-BARF-Rationen besteht aber noch Verbesserungspotenzial.

Beachtet man einige Zusammenhänge und findet man das oder die richtigen Menüs, ist Fertig-BARF sicherlich ein guter Weg, um schnell und unkompliziert ein artgerechtes Futter zur Verfügung zu stellen. Wem der Weg durch den Fertig-BARF-Dschungel zu mühsam erscheint, der kann natürlich auch einfach barfen ;)


Dienstag, 18. Oktober 2016

Über Glückshormone, Impulskontrolle und überflüssige Kohlenhydrate

Immer wieder gibt es in der Hundewelt Themen, die große Aufmerksamkeit erregen und über die heiß debattiert wird. Darunter die alljährliche Diskussion zur Frage „Kohlenhydrate in der Hundeernährung“. Immer wieder werden Gründe genannt, warum diese unbedingt in den Hundenapf gehören. Vor 3 Jahren tauchte eine Studie auf, in der angeblich nachgewiesen wurde, dass Hunde generell in höherem Maße als Wölfe in der Lage wären, Kohlenhydrate zu verdauen. Ein Segen für die Verteidiger von Stärke & Co. bis eine neuere Untersuchung nur ein Jahr später belegte, dass wohl doch nicht alle Hunde mehr Gene zur Stärkeverdauung hätten als Wölfe, sondern nur einige (mehr dazu hier...). Schade eigentlich.

Aber es dauerte nicht lange und da brachten die Kohlenhydratbefürworter eine neue Argumentation hervor. Impulskontrolle und Glücklichsein. Ein Hund bräuchte angeblich Kohlenhydrate in der Nahrung, um sich unter Kontrolle zu halten, sich besser zu konzentrieren, weniger aggressiv zu sein und insgesamt glücklicher. Kaum war diese „neue“ Erkenntnis verbreitet, versuchten Hundehalter Erziehungsprobleme oder einfach arttypisches Verhalten (z. B. Abneigung gegen fremde Artgenossen, Ablenkung durch Fortpflanzungsgelüste, Auslebung von züchterisch intendierten Eigenschaften wie Jagd-, Hüte- oder Schutztrieb) mit massenhaft Kohlenhydraten in der Nahrung zu therapieren. Zum Leidwesen der geplagten Tierbesitzer meist mit wenig Erfolg. Schade eigentlich, denn es ist natürlich verlockend, eine einfache Lösung für ein komplexes Problem präsentiert zu bekommen.

Kann man mit der Nahrung Einfluss nehmen?

Dennoch ist etwas dran, an der Behauptung, man könne die Stimmung eines Hundes mit dem Futter beeinflussen. Grund dafür ist das sagenumwobene Tryptophan (Trp). Eine für Hunde essenzielle Aminosäure, die die biosynthetische Vorstufe des Neurotransmitters Serotonin (im Volksmund bekannt als Glückshormon) ist und das Verhalten durchaus beeinflussen kann. Eine verminderte Serotoninbildung kann möglicherweise zu einer aggressiveren Reaktion auf Reize führen, die Konzentrationsfähigkeit und Impulskontrolle negativ beeinflussen oder einfach unglücklich machen.

Wie aber kann es überhaupt zu einer verminderten Serotoninbildung aus Trp kommen? Zunächst einmal kann dafür ursächlich sein, dass sich insgesamt nicht genügend von dieser Aminosäure im Futter befindet. Ein artgerecht ernährter Hund wird in der Regel ausreichend Trp in der Nahrung vorfinden, da es in Fleisch, Milchprodukten und Eiern vorkommt. Anders sieht es aus mit Futtermitteln, die man sowieso als eher ungeeignet für einen Beutefresser einstufen würde, z. B. Getreidegluten, Geflügelmehle oder Soja. In diesen Futtermitteln ist wenig Trp, dafür aber verhältnismäßig mehr lange, neutrale Aminosäuren (LNAA) wie z.B. Tyrosin enthalten. Und weil diese LNAA mit Tryptophan um das gleiche Transportsystem durch die Blut-Hirn-Schranke konkurrieren, kann es zu einer mangelnden Bildung von Serotonin kommen. Je schlechter das in der Nahrung vorliegende Verhältnis zwischen Trp und LNAA ist, desto ausgeprägter ist dieser Effekt.

Betrachtet man die genaue Aminosäuren-Zusammensetzung verschiedener Rationen, wird klar, dass das Verhältnis von Trp:LNAA sich stark unterscheidet. So sind bei einer typischen BARF-Ration 1,4 % des Proteins tatsächlich Trp, bei einem gewöhnlichen Trockenfutter (z. B. 52 % Kartoffelflocken, 20 % Sojaextraktionsschrot, 17 % Geflügelmehl, 10 % Fett) ist der Anteil mit 1,1 % wesentlich geringer. Wichtig ist also in jedem Fall, dass sich die Eiweißträger der Ration aus hochwertigem Protein zusammensetzen und nicht etwa bindegewebsreiche Schlachtabfälle oder minderwertiges pflanzliches Protein enthalten.

Was hat das alles mit Kohlenhydraten zu tun?

Die meisten Proteinlieferanten verfügen insgesamt über einen geringen Tryptophan-Anteil (Trp) und einen hohen Anteil an LNAA – bei Eiweiß aus pflanzlicher Quelle oder minderwertigen Proteinlieferanten ist das aber viel stärker ausgeprägt. Durch die Nutzung desselben Carriersystems gelangt daher verhältnismäßig weniger Trp ins Gehirn. Kohlenhydratreiche Rationen stimulieren die Insulinsekretion. Durch das Insulin wird die Aufnahme der Kohlenhydrate in die Zellen ermöglicht, aber auch der Einstrom von Aminosäuren. Das steigert die Aufnahme derjenigen LNAA in die Muskelzellen, die sonst zusammen mit dem Trp in das Gehirn gelangen. Durch das Absinken der freien Aminosäuren im Blut steigt der Trp:LNAA Quotient an und es gelangt mehr Trp ins Gehirn.

Auch der Gesamtproteingehalt der Nahrung spielt eine Rolle, wenn es um die Stimmung der Tiere geht. In Studien wurde nachgewiesen, dass proteinreiche Rationen zu gesteigertem Aggressionsverhalten führen können. In diesem Zusammenhang gerät BARF immer wieder in die Kritik, da dieser Ernährungsform zu unrecht ein zu hoher Proteingehalt nachgesagt wird. Auch deswegen wird empfohlen, durch große Mengen an Kohlenhydraten, den Proteingehalt zu senken. Berechnet man allerdings den tatsächlichen Eiweißanteil einer BARF-Ration, stellt man fest, dass das nicht notwendig ist, da die Menüs nicht mehr Protein liefern als andere Futtersorten. Warum das so ist, zeigt der nächste Abschnitt.

Der Einfluss von Fetten

Fette sind für Hunde die natürlichen Energielieferanten schlechthin. In Beutetieren kommen kaum Kohlenhydrate vor. Deswegen wird bei BARF-Rationen ein niedriger Kohlenhydratanteil, dafür aber ein angemessener Fettanteil angestrebt - sofern das Tier gesund ist. Dies hat zur Folge, dass der Proteingehalt einer BARF-Ration auch ohne große Mengen an Kohlenhydratlieferanten eher niedrig ist. Denn je mehr Fett eine Ration enthält, desto weniger muss der Hund aufgrund des höheren Energiegehaltes davon fressen und desto geringer ist auch der Eiweißgehalt des Futters. BARF enthält also nicht besonders viel Protein, sondern meist genau so viel wie ein typisches Fertigfutter – trotz des geringen Kohlenhydratanteils.

NährstoffBARF-Ration, 30 kg Hund, ca. 1270 kcal50 % Fleisch & Knochen + 50 % Getreide, ca. 1270 kcalRoyal Canin Maxi, 30 kg Hund, 1270 kcal
Protein84 g83 g83 g
Fettgehalt95 g59 g54 g
Kohlenhydrate10 g93 g127 g


Fett ist aber nicht nur ein Energielieferant. Auch bei der Serotoninsynthese spielt es eine entscheidende Rolle, denn die Aufnahme von Kohlenhydraten ist natürlich nicht die einzige Lösung des Körpers, wenn es darum geht, ausreichende Mengen des „Glückshormons“ zu produzieren. Dieser Fakt wird immer verschwiegen, wenn es darum geht, Kohlenhydratmassen zu preisen. Warum nur...?

Da es in der Natur nur wenige Kohlenhydratlieferanten gibt (Getreide & Zucker sind schließlich eine Erfindung des Menschen), verfügt der Körper selbstverständlich auch über andere Wege, um für einen glücklichen Vierbeiner zu sorgen. In diesem Zusammenhang kommt dem Fettgehalt der Nahrung eine große Bedeutung hinzu: Trp wird zum größten Teil an Albumin gebunden im Blut transportiert. Aber auch freie Fettsäuren nutzen Albumin als Transportsystem. Die Erhöhung freier Fettsäuren im Blut nach der Nahrungsaufnahme führt zur Verdrängung des an Albumin gebundenen Anteils von Trp. Das so freigesetzte Trp wird vermehrt in das Gehirn transportiert und steht nun in größeren Mengen für die Synthese von Serotonin zur Verfügung. Es braucht also nicht zwingend Kohlenhydrate, um ausreichende Mengen an Trp durch die Blut-Hirn-Schranke zu transportieren, die natürlichen Energielieferanten der Hunde, nämlich Fette, tun es auch.

Der Einfluss von anderen Nährstoffen

Entscheidend für eine ausreichende Serotoninsynthese ist auch, dass das Tier genügend Vitamin B6 aufnimmt, da dies die Synthese verstärkt (oder bei einem Mangel eben einschränkt). Dieses Vitamin befindet sich also vor allem in Leber, Eiern und Fleisch, jedoch ist es licht- und hitzeempfindlich, sodass diese Futtermittel roh verabreicht werden sollten, um eine entsprechende Versorgung sicherzustellen.

Wichtig ist außerdem, dass das Tier genug Vitamin B3 aufnimmt. Ist dies nicht der Fall, muss der Körper dies aus Tryptophan selbst synthetisieren. Dabei wird natürlich die zur Serotoninsynthese zur Verfügung stehende Menge an Tryptophan reduziert. Vitamin B3 ist zwar nicht hitzeempfindlich, jedoch können Hunde es nur aus tierischen Quellen (z. B. Leber, Fleisch) wirklich gut verwerten. In pflanzlichen Quellen liegt das Vitamin in gebundener, schwer verwertbarer Form vor und ist für das Tier fast nutzlos.

Zur Umwandlung von Trp über das Zwischenprodukt 5-HTP wird außerdem Magnesium benötigt. In Futtermitteln kommt Magnesium vor allem in Getreide oder Saaten vor, allerdings befindet sich darin auch ein sekundärer Pflanzenstoff namens Phytinsäure, der die Bioverfügbarkeit von Magnesium stark einschränkt. Je nach Anteil in der Nahrung so stark, dass nur noch ein Drittel der aufgenommenen Menge vom Körper überhaupt genutzt werden kann. Daher eignen sich Knochen, Innereien und Fleisch besser als Magnesiumlieferanten.

Weitere Faktoren und Nachteile der Kohlenhydratlieferanten

Es gibt noch weitere Faktoren, die die Serotoninsynthese behindern können. Darunter fallen zum Beispiel Stress oder Insulinresistenz. Letzteres ist nachvollziehbar, da die Zellen nicht mehr empfindlich genug auf Insulin reagieren.

Betrachtet man die Situation genauer, so fällt auf, dass die üblichen Kohlenhydratlieferanten offensichtlich die Serotoninsynthese verstärken können, gleichzeitig jedoch wieder behindernd wirken. Bestehen 50 % der Ration z. B. aus Getreide, so nimmt das Tier insgesamt weniger Vitamin B6 auf (Getreide muss gekocht werden, demnach wird das Vitamin zerstört) und hat auch noch weniger Vitamin B3 zur Verfügung, weil Großteile der Ration nun durch einen unpassenden Vitamin-Lieferanten besetzt werden, der nur gebundenes Vitamin B3 liefert. Auch etwa 70 % des aufgenommenen Magnesiums können nicht mehr genutzt werden, weil die im Getreide befindlichen Störstoffe die Bioverfügbarkeit stark herabsetzen.

Vergleicht man eine BARF-Ration mit typischem Fettanteil mit einer Ration, die zu 50 % aus Getreide besteht hinsichtlich der Nährstoffversorgung, ergibt sich folgendes Bild:

NährstoffBARF-Ration, 30 kg Hund, ca. 1270 kcalMax. verwertbar50 % Fleisch & Knochen + 50 % Getreide, ca. 1270 kcalMax. verwertbar
Vitamin B321,5 mg21,3 mg19,9 mg14,2 mg
Vitamin B62,1 mg2,1 mg1,4 mg0,8 mg
Magnesium240 mg168 mg245 mg74 mg
Protein84 g64 g83 g62 g

Neben dem niedrigeren Gehalt an den genannten Vitaminen fehlt es der getreidereichen Ration obendrein auch an Kalium, Kupfer, Selen, Vitamin B2, B12, B5 und Biotin. Die Gehalte liegen sogar so niedrig, dass keine Bedarfsdeckung mehr stattfindet.

Dem Tier stehen also weniger Nährstoffe insgesamt und auch weniger Co-Faktoren zur Serotoninsynthese zur Verfügung. Der Grundbedarf ist bei zwar gedeckt, aber es ist nicht klar, ob der Bedarfswert eine optimale Serotoninsynthese berücksichtigt oder nur das Überleben des Tieres sichert. Schaut man sich die Studien an, aus denen die Bedarfswerte abgeleitet wurden an, wird dort zumindest nicht auf solche Aspekte eingegangen.

Nun könnte man argumentieren, dass man dann doch eine Vitamin- und Mineralstoffmischung einsetzen könnte, um das durch die großen Kohlenhydratmengen geschaffene Defizit auszugleichen. Aber wozu? Warum sollte jemand einen teuren, synthetischen Zusatz verfüttern wollen, nur damit er so große Mengen Getreide verfüttern kann? Synthetische Vitamine sind nachgewiesenermaßen gesundheitsschädlich.

Diese Nachteile treffen auf Rationen, die auf den Serotoninsynthese fördernden Effekt von Fetten setzen, nicht zu. Man erreicht also mit der Fütterung einer eher fettreichen Nahrung insgesamt bessere Effekte und muss auch weitere Nachteile einer kohlenhydratreichen Ernährung (mehr hier...) nicht in Kauf nehmen. Wieso um alles in der Welt also unbedingt so kohlenhydratreich füttern? Nur, um dann auch noch Zusätze kaufen zu müssen...? Das ergibt keinen Sinn – außer natürlich, man ist ein Anbieter solcher Supplemente oder kohlenhydratreicher Fertigfutter. Dann kann man sich damit eine goldene Nase verdienen und sollte auch stark bemüht sein, zu verbreiten, dass viele Kohlenhydrate von Vorteil sind…

Warum hat es dann in Studien trotzdem funktioniert?

Es gibt eine Reihe von Studien, die sich mit dem Einfluss des Trp-Gehalts der Nahrung, der Futterproteinmenge und der Zuführung von Kohlenhydraten auf das Verhalten von Hunden beschäftigen. Und das Ergebnis ist meist, dass die Tiere sich durch die Zugabe von Trp bzw. die Senkung des Proteingehalts weniger aggressiv verhalten oder aber, dass sie sich durch die Zufuhr von Kohlenhydraten direkt vor einer Aufgabe, besser konzentrieren können.

Wieso funktioniert das? Nun, der Grund hierfür ist, dass die Tiere in den Studien meist ein Futter mit einem sehr geringen Anteil an Trp erhalten, weil die Proteinlieferanten minderwertig oder auch fragwürdig sind. Die Futtermischung aus einer Studie (DeNapoli, J. S. (2000)) sieht z. B. so aus:

37 % Mais, 18 % Geflügelmehl, 16 % Maisstärke, 10 % Tierisches Fett, 3 % Getrocknetes Ei, 10 % Zellulose, 2 % Geschmackverstärker, 2 % Dicalcium Phosphat, 1 % Pflanzenöl, 1 % Mineralstoffe, 0,3 % Vitamine, 0,01 % Etoxyquin.

Fügt man dieser Gruselration dann Trp einzeln hinzu, kann natürlich die Serotoninsynthese erhöht werden. Gebarfte Hunde finden aber in ihrer Ration ohnehin schon größere Mengen Trp vor und genügend Fett, sodass sie bereits eine andere Ausgangsbasis haben als der arme Studien-Hund, der o. g. Mischung fressen muss und vielleicht noch Stress hat, weil er an einer Studie teilnehmen muss.

Außerdem fallen bei genauerer Betrachtung der Studien folgende Aspekte auf: Erstens wurden den Hunden in den proteinreichen Rationen wesentlich höhere Mengen an Protein zugeführt als das bei BARF der Fall wäre (130 g für einen 30 kg Hund, an Stelle von 84 g bei BARF) und zweitens sind die verwendeten Proteinquellen zu 95 % minderwertig (siehe o.g. Zusammensetzung). Diese Erkenntnisse können also nicht einfach auf BARF übertragen werden. Es ist nachgewiesen, dass ein hoher Anteil minderwertiger Proteine das Aggressions- und Territorialverhalten von Hunden steigert. BARF liefert aber kaum minderwertiges Protein. Aus den Studien kann also nicht einfach geschlossen werden, dass eine Proteinreduktion bei BARF sinnvoll wäre, um aggressives Verhalten einzuschränken, sondern nur, dass eine Proteinreduktion bei Rationen mit minderwertigen Proteinen sinnvoll sein kann. Studien an gebarften Tieren wurden nicht durchgeführt.

Untersuchungen, in denen sich Hunde nach der Verabreichung von Kohlenhydraten besser auf eine Aufgabe konzentrieren konnten, sind ebenfalls schwer in die Praxis übertragbar oder vielmehr sind die Schlüsse, die daraus gezogen werden, mitunter unzulässig. In den Studien bekamen die Tiere eine Glukoselösung. Glukose ist ein Einfachzucker, der sehr schnell verfügbar ist, also „sofort ins Blut geht“, wie man umgangssprachlich sagt. Eine kohlenhydratbasierte Ernährung mit Getreide oder Kartoffeln liefert aber keine oder kaum Glukose, sondern s. g. Polysaccharide. Diese müssen vom Körper erst aufgespalten werden und sind eben nicht so schnell verfügbar. Man kann nicht einfach die kurzzeitige Gabe einer Glukoselösung mit allgemein kohlenhydratreicher Ernährung gleichsetzen. Wenn man die Effekte erreichen will, die in solchen Studien ermittelt wurden, muss man kurz vor dem Training Traubenzucker füttern und nicht etwa die Ration zu 50 % aus Kohlenhydraten gestalten. Abgesehen davon wurden solche Untersuchungen natürlich nie an gebarften Tieren durchgeführt. Ganz im Gegenteil: Unprofessionellerweise wurde überhaupt gar nicht analysiert, wie die Tiere ernährt wurden.

Fazit für Barfer

Ein gebarfer Hund benötigt keine großen Mengen an Kohlenhydraten, um ausreichend Serotonin zu synthetisieren. Denn es ist bereits mehr Trp in der BARF-Ration enthalten als in Fertigfutter, der Proteinanteil ist nicht zu hoch und Fette in der Nahrung fördern die Synthese des "Glückshormons" genau so gut wie Kohlenhydrate. Zudem nehmen gebarfte Tiere vergleichsweise mehr verfügbare Co-Faktoren auf, die die Serotoninsynthese verstärken.

Natürlich kann aber jeder Hundehalter am eigenen Tier ganz einfach testen, ob es durch mehr Kohlenhydrate eine erwünschte Verhaltensänderung zeigt, indem er versuchsweise die BARF-Variante mit 10 % Getreide ausprobiert. Der geringe Getreideanteil ist für das Tier vollkommen unproblematisch, solange keine Unverträglichkeit vorliegt. Es spricht also nichts dagegen, einen Test zu wagen. Er wird vermutlich nur nicht das gewünschte Ergebnis im Hinblick auf Trainingserfolge oder aggressives Verhalten haben, denn mit BARF erhält das Tier bereits alles, um genug Serotonin zu bilden. Für Verhaltensprobleme gibt es leider fast nie eine einfache Lösung. Es bleibt nur der Gang zu einem guten Trainer, Fleiß, richtiges Management sowie Geduld und noch mehr Geduld…


Quellen:

DeNapoli, J. S. (2000): Effect of dietary protein content and tryptophan supplementation on dominance aggression, territorial aggression, and hyperactivity in dogs
Engin, A. et al. (2015): Tryptophan Metabolism: Implications for Biological Processes, Health and Disease
Meyer, H. / Zentek, J. (2013): Ernährung des Hundes
Miller, H. C. et al. (2010): SElf-Control Without a „Self“? Common Self-Control Processes in Humans and Dogs

National Reserach Council (2006): Nutrient Requirements of Dogs and Cats

Mittwoch, 5. Oktober 2016

Ernährungsberatung – braucht man das?

Es ist immer schwierig, einen sachlichen und objektiven Beitrag über das eigene Tätigkeitsfeld zu schreiben. Ich versuche es dennoch.

Viele Tierhalter, die sich für BARF interessieren, werden mit der Frage konfrontiert, ob sie nun einen Ernährungsberater mit einer Futterplanerstellung beauftragen sollten oder nicht. Für die einen ist das nämlich reine Geldverschwendung, andere sind sich einig, dass es ohne professionell erstellten Plan keine Chance gibt, den eigenen Hund gesund zu ernähren.

Ob das wirklich notwendig ist, kann man nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten. Wie so oft im Leben, kommt es auf die Umstände an.

Was beinhaltet Ernährungsberatung überhaupt?

Was macht eigentlich so ein Ernährungsberater? Was kann man als Kunde erwarten? Und warum weichen die Preise so extrem ab?

Ernährungsberatung reicht im Prinzip von einfachen Tipps zur Ernährung bis hin zur kompletten und umfassenden Begleitung im Falle von Erkrankungen. Es gibt kein klar definiertes Beratungspaket, was man als Kunde erwarten kann. Deswegen variieren Umfang, Qualität und Preis der Leistung sehr stark.

Meiner Meinung nach beinhaltet eine professionelle Ernährungsberatung folgende Punkte:
  • Gründliche Anamnese (Erhebung aller relevanten Daten zum Tier: z. B. Gewicht, Größe, Alter, Horomonstatus, Bewegung pro Tag, bisheriges Futter, Kotkonsistenz, Unverträglichkeiten, etwaige Krankheiten) 
  • Erfragung der Halterpräferenzen (Häufigkeit der Fütterung, gewünschte Zusätze, Fleischsorten, mit Fastentag, ohne Fastentag etc.)
  • Erstellung des Futterplans (Basisgerüst, Beispielplan), basierend auf den Angaben mit Nennung von etwaigen Nahrungsergänzungsmitteln verschiedener Anbieter
  • Bereitstellung von Zusatzinformationen zur Umstellung, Warnung vor Gefahren, Erläuterung des Vorgehens, Auflistung der Futtermittel, Erläuterung wichtiger Informationen (z. B. Wichtigkeit des Fettgehalts in der Nahrung) etc.
  • Beantwortung von Fragen zum Futterplan
Dieser Prozess nimmt in meiner Beratung mindestens 2–3 h Zeitaufwand in Anspruch. Die Informationen müssen ausgewertet, der Plan berechnet und angepasst und die Fragen des Halters müssen beantwortet werden etc. Je komplexer der Fall, desto mehr Aufwand. Mit manchen Kunden telefoniert man allein eine Stunde, um Unklarheiten abzuklären. Das alles kostet natürlich Zeit und kann nicht mal eben Tür und Angel gemacht werden.

Ein einfacher Futterplan, auf einer einzigen A4-Seite ohne Sonderwünsche des Kunden und Erläuterungen, kann auf Knopfdruck in 5 Minuten erstellt werden. Der Rest kostet einfach sehr viel Zeit. Und weil nicht jeder Ernährungsberater alle Punkte erfüllt, schwanken auch die Preise so extrem. Am Markt ist zwischen kostenlos, über 25 Euro bis hin zu 180 Euro quasi alles zu finden.

Die Qualität der Futterpläne unterscheidet sich in der Praxis ebenfalls extrem. Ich habe schon s. g. BARF-Pläne für 50­–150 Euro gesehen, die in etwa so aussahen (dieser Plan des Grauens ist ein Beispiel, das zeigt, wie man es nicht macht):


Mehr nicht! Keine Erläuterungen, keine Hinweise, keine konkreten Futtermittel. Dafür künstliche Zusätze, jede Menge Pflanzenöl und Kohlenhydratlieferanten. Das ist kein BARF-Plan, sondern ein teurer Pseudo-BARF-Plan. Pläne in der Art habe ich immer wieder zur Überprüfung auf dem Tisch... Ein BARF-Anfänger könnte mit diesem Plan nicht wirklich viel anfangen, denn es fehlen sämtliche Hinweise, die es zu beachten gilt.

Auf der anderen Seite habe ich auch wirklich gute Pläne für 20 Euro gesehen, an denen es nichts, rein gar nichts auszusetzen gab. Vermutlich muss der Ersteller in dem Fall aber nicht von seiner Tätigkeit als Ernährungsberater leben, sondern macht das zum Spaß. So wie ich das jahrelang gemacht habe.

Wer sich also mit dem Gedanken trägt, sich beraten zu lassen, sollte sich ganz genau überlegen, was er erwartet und wie viel Geld er ausgeben möchte. In diesem Fall hilft es oft, sich eine Leistungsübersicht des Beraters zuschicken zu lassen oder Freunde und Bekannte nach Erfahrungen und Empfehlungen zu fragen.

Nicht immer ist preiswert schlecht und teuer gut. Allerdings kann man selten für sehr wenig Geld sehr viele Informationen und Hilfestellungen erwarten. Wer einen umfassenden Plan haben möchte, muss damit rechnen, dass dessen Erstellung viel Zeit kostet, die zu vergüten ist. Leute, die Geld mit ihrem Job verdienen müssen, können nicht kostenlos arbeiten. Das ist in anderen Berufen auch so: Schließlich erwartet auch niemand, eine 2–3-stündige Arbeitsleistung beim Frisör, Kfz-Meister oder Rechtsanwalt gratis oder für 10 Euro zu erhalten ...  Wer sich mit weniger umfangreichen Informationen zufrieden gibt und sich lieber noch selbst informiert, kann natürlich Geld sparen.

So findet man z. B. in Foren oder Facebook-Gruppen gratis Hilfe, wobei dort in der Regel erwartet wird, dass man sich vorher grundlegend informiert. Auch manche BARF-Shops bieten z. B. kostenlose Basispläne an und beraten natürlich auch (in dem Fall sollte man übrigens dann auch dort kaufen - nicht die kostenlose Beratung abstauben und im Internet bestellen - das gehört sich nicht!). Allerdings bleibt verständlicherweise während des Verkaufs nicht die Zeit, wirklich alles zu erzählen, was man über BARF wissen muss. Außerdem ist die Beratung nicht immer gut oder sinnvoll, es gibt auch genug erschreckende Falschberatungen. (O-Ton aus gruseligen BARF-Shop-Beratungen: "Fett brauchen Sie nicht zu füttern.", "Innereien sind gefährlich", "Ja, Sie brauchen unbedingt diese 10 Zusätze, anders geht BARF nicht.") Sich in einem guten Shop beraten zu lassen, ist aber sicher ein Anfang, um sich zu informieren, aber es ist dann meistens notwendig, sich zusätzlich noch zum Thema einzulesen.

Und da sind wir auch schon bei der Frage für wen eine professionelle Beratung sich eigentlich gar nicht eignet…

Wer braucht keine Ernährungsberatung?

Vermutlich schneide ich mir nun mit den folgenden Sätzen ins eigene Fleisch, denn für mich stellt die Ernährungsberatung tatsächlich einen Teil meines Einkommens dar. Aber man muss Kunden auch ehrlich beraten und es ist so: Nicht jeder braucht einen Futterplan. Die meisten Leute kommen gut ohne zurecht. Das ist Fakt. Es kommt nicht selten vor, dass ich Interessenten von einer Beratung abrate, weil ich den Eindruck habe, dass der Tierhalter sich bereits selbst umfangreich informiert hat. Wozu soll jemand beraten werden, der das alles schon weiß?

Ich gebe zu, ich habe mir nie einen Plan erstellen lassen. Aber ich hatte Zeit und Lust, mich mit dem Thema zu befassen. Nachdem ich beschlossen hatte, zu barfen, habe ich erst im Internet und in Büchern gelesen, habe dann einen Futterplan selbst berechnet und ihn dann ganz stolz in ein Forum gestellt, wo er erstmal verbessert wurde. Danach habe ich dann vorsichtshalber noch alle Beiträge in dem Forum gelesen, hab dort Fragen gestellt, stundenlang über das Ca:P-Verhältnis debattiert und habe nach einem passenden BARF-Shop für mich gesucht. Das hat sehr viel Zeit gekostet, wirklich sehr sehr viel Zeit. Jeder weiß, wie schnell man Stunden in Foren oder Blogs „vertrödeln“ kann…Zeit ist Geld! Das darf man nicht vergessen. In all den Stunden hätte ich auch arbeiten und Geld verdienen können ;)

Wer sich zum Thema BARF belesen will, wird schnell merken, dass es sehr viele, auch widersprüchliche, Informationen gibt und man erst einmal herausfiltern muss, was nun richtig ist und was nicht. Mir hat das nichts ausgemacht, denn das Thema war sehr spannend und ich habe diese Zeit nicht als „Opfer“ gesehen, sondern als Gewinn, auch wenn es ein Zeitfresser war. Aber ich war Studentin und hatte Zeit und es war mein neuer Freizeitspaß, mein leidenschaftliches Hobby und mittlerweile ist es mein Job.

Wer sich also für solche Themen interessiert, sich gern allein an Neues heranwagt und der auch die Zeit dafür hat, der braucht keinen Futterplan vom Profi. Nein, auch nicht für einen Welpen. Nein, auch nicht für einen großwüchsigen. Nein, wirklich nicht. BARF ist ja keine Wissenschaft. Es ist einfach. Man muss nur die Regeln kennen und umsetzen. Was die Sache zeitaufwändig macht, ist das Herausfiltern von nutzlosen oder falschen Informationen, die eigene Unsicherheit zu überwinden oder das Diskutieren in irgendwelchen Foren...

Mit etwas Selbstvertrauen, passender Literatur (Internet, Bücher) und genug Zeit kann man sich das alles selbst zusammensuchen. Oder man lässt sich von Freunden oder in Foren helfen. Aber man muss sich die Zeit nehmen und auch Lust dazu haben.

Für wen ist Ernährungsberatung geeignet?

Nicht jeder ist so gestrickt und lernt gerne neue Themengebiete auf eigene Faust kennen. Viele Leute sind genervt von Foren oder haben einfach zwei Kinder, einen Job und noch den Hundesport. Und deswegen gibt es eben für jene, die nicht die Muße haben oder auch die, die sehr unsicher sind und einfach etwas Halt haben möchten, die professionelle Futterplanberatung.

Wer also keine Zeit hat, erst einmal 60 Stunden lang alles mögliche zu lesen und sich dabei zu verzetteln, oder dem das einfach zu aufwändig ist, bei den Informationen im Internet oder selbst in den Büchern Spreu von Weizen zu trennen oder dem das Thema nicht wirklich liegt, der ist mit einer professionellen Ernährungsberatung gut bedient. Auch Tierhaltern, die sehr viel Angst davor haben, Fehler zu machen, ist mit einem Berater an der Seite geholfen. Man bekommt eben im Idealfall alle Informationen schön auf 10 Seiten zusammengefasst aufbereitet und muss nur noch losfüttern. Der Berater erspart das stundenlange Recherchieren und gibt Sicherheit.

Relevant wird die Ernährungsberatung aber vor allem dann, wenn das Tier krank ist und begleitend zur Therapie durch den Tierarzt oder Tierheilpraktiker eine spezielle Diät notwendig ist. Nicht selten kommt es vor, dass „hoffnungslose“ Fälle mit dauerhaften Durchfall oder anderen Problemen als letzte Hoffnung beim Ernährungsberater landen und der es tatsächlich schafft, dem Tier mit einem guten Futterplan zu helfen.

Auch diese Dinge kann man sich mit entsprechendem Interesse alle selbst anlesen. Aber auch das kostet Zeit und in dem Fall dann auch Geld. Dann ist fundiertes Wissen und Erfahrung notwendig. Sich dieses Wissen anzueignen, ist aufwändig. Weiterbildungen, Seminare und Fachliteratur sind unerlässlich, denn ab einem bestimmten Punkt helfen das Internet und Foren nicht weiter. Gerade wenn es um Krankheiten geht, muss man etwas gründlicher recherchieren. Ich habe z. B. über die Jahre ungefähr 300 Bücher über Ernährung, Erkrankungen, Anatomie und Physiologie von Hunden und Katzen gesammelt, besuche immer wieder Fortbildungen und lese Studien. Und manche dieser Bücher und Kurse sind wirklich teuer... Aber was soll´s? Das gehört nun einmal dazu.

Wie finde ich einen guten Ernährungsberater?

Wenn es denn ein Berater sein soll, so muss überlegt werden, wo man denn einen passenden findet. Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten, denn es gibt keine zentrale Stelle, die irgendeine Form von Prüfung durchführt.

Der Beruf des Ernährungsberaters ist nicht geschützt. So kann sich jeder so nennen, auch wenn überhaupt gar kein Wissen oder keine adäquate Ausbildung zu Grunde liegen. Der Kunde steht also vor dem Problem, wem er vertrauen soll und welche Anhaltspunkte er nutzen kann. Leider ist selbst das Prädikat Tierarzt oder Tierheilpraktiker kein Garant für eine solide Kenntnisse im Bereich Ernährung oder auch Diätetik und vor allem nicht in Bezug auf BARF (siehe dieser Artikel).

Es bleibt also nur, sich zu informieren, welche Art der Weiterbildung der Berater gemacht hat (es gibt von Wochenendkursen bis hin zur umfangreichen Ausbildung alles). Wichtig ist auch, dass es bei dieser Ausbildung dann auch wirklich um BARF geht und nicht um Pseudo-BARF. Was nützt eine 3-jährige Intensivfortbildung zum Thema Ernährung, wenn BARF nur am Rande erwähnt wird und sich sonst die ganze Zeit alles um Fertigfutter dreht?

Empfehlungen von Freunden und Bekannten sind natürlich ebenfalls eine gute Möglichkeit, einen geeigneten Berater zu finden. Ansonsten ist es so wie bei allen Beratern… es gibt gute und schlechte ;)



Montag, 18. Juli 2016

Fehlerhafte Studie: Der Wolf, der Hund und die Kohlenhydrate

Wenn es um Kohlenhydrate in der Hundeernährung geht, scheiden sich die Geister. Die einen sind der Meinung, Kohlenhydrate gehörten nur in untergeordneten Mengen in die Nahrung eines Beutefressers, andere sind der Überzeugung, man müsse Hunde mit einem Kohlenhydratanteil von über 50 % ernähren. Letztere Gruppe stützt ihre Argumentation dabei die Ergebnisse einer Studie unter der Leitung des schwedischen Forschers Erik Axelsson aus dem Jahr 2013[1]. Diese soll bewiesen haben, dass Hunde mehr Gene zur Verwertung von Kohlenhydraten hätten als Wölfe und dass eine kohlenhydratreiche Fütterung die Domestikation des Hundes überhaupt erst ermöglicht hätte.[2] Dieses Argument wird seitdem in verschiedenen Publikationen, Marketingunterlagen, Facebook-Kommentaren, ja, sogar im letzten Test Stiftung Warentest hervorgebracht. Was viele nicht zu wissen scheinen: Die Ergebnisse der vielzitierten Studie wurden bereits in 2014 stark relativiert und zwar unter Mitwirkung von Erik Axelsson selbst. Warum nur erwähnt das keiner?

Ergebnisse der ersten Studie

In der zuerst durchgeführten Studie wurde untersucht, inwieweit sich welche Gene des Wolfes im Rahmen seiner Domestikation hin zum heutigen Haushund, verändert haben. Daraus ging unter anderem hervor, dass bestimmte Gene, die im Zusammenhang mit der Kohlenhydratverdauung stehen (z. B. das Gen AMY2B), mutierten und bei Hunden nun in größerer Kopienzahl auftreten als bei Wölfen. Ursächlich dafür sei eine stärkereiche Ernährung der Vorfahren unserer Hunde gewesen, die in der Nähe menschlicher Behausungen von Abfällen ernährt hätten. Aus diesen Erkenntnissen wurde letztendlich geschlussfolgert, dass Hunde „in höherem Maße“ in der Lage wären, Kohlenhydrate zu verstoffwechseln als Wölfe und dass diese Anpassung einen entscheidenden Schritt in der Domestikation des Hundes dargestellt hätte.

Im Übrigen wurde nicht untersucht, was genau „in höherem Maße“ bedeutet. Es war also auch nach dieser Studie nicht klar, wie hoch der anzusetzende Kohlenhydratanteil in der Nahrung nun sein sollte. Es wurde auch nicht verglichen, wie hoch die Kopienzahl solcher Gene etwa bei reinen Pflanzenfressern im Vergleich auftreten (haben vielleicht Wölfe 2, Hunde 10 und Tauben 200 – dann wären die Unterschiede zwischen Wolf und Hund ja wieder gering…). Vor allem aber wurde vernachlässigt, wie sich die Fütterung eines Hundes im Laufe seines Lebens auf dessen Erbgut auswirkt. Es ist längst bekannt, dass es durch Umwelteinflüsse zu epigenetischen Veränderungen kommt, die sich natürlich auf die Gene auswirken, die letztendlich untersucht werden. Und in der Studie wurde nicht unterschieden, die wie die untersuchten Tiere ernährt und gehalten wurden. Dies waren nur einige Kritikpunkte an der Studie.

Abgesehen davon, wurde natürlich auch in Frage gestellt, wie Hunde zum Zeitpunkt ihrer Domestikation auf große Kohlenhydratmengen hätten zugreifen können, um sich genetisch daran anzupassen. Die Domestikation des Hundes begann wohl vor 100.000 Jahren an verschiedenen Orten der Erde unabhängig voneinander. Vor rund 10.000 Jahren war der Hund bereits weltweit verbreitet und in verschiedenen Größen und möglicherweise auch Farben und Formen vorhanden.[3] Ein Blick in die Geschichtsbücher lässt doch Fragen an den Schlüssen der Studie aufkommen, denn die so genannte neolithische Revolution, also der Wandel der Lebensweise des Menschen weg von Dasein als Jäger und Sammler hin zur Sesshaftigkeit fand etwa 5.000–2.500 v. Chr. statt. Die Anfänge des Ackerbaus sind also in eine Zeit von vor etwa 7.000 Jahren zurück zu datieren. Da waren Hunde bereits seit 3.000–93.000 Jahren domestiziert. Weder Menschen, noch Wölfen standen also mangels Ackerbau in den Anfängen der Domestikation große Kohlenhydratmengen zur Verfügung, an die eine Anpassung hätte erfolgen können.

Aufgrund solcher Fehler in der Konzeption der Studie – die übrigens eine Peer-Review-Untersuchung war, also von anderen Wissenschaftlern geprüft und in einer namhaften Zeitschrift veröffentlicht wurde – wurde sie nicht nur vielzitiert, sondern auch in erheblichem Maße kritisiert. Vielleicht erfolgte auch aus diesem Grund eine zweite Untersuchung, bei der Erik Axelsson ebenfalls mitwirkte und in welcher die Ergebnisse stark relativiert wurden. Natürlich wurde um diese Studie nicht so viel Wind gemacht...

Ergebnisse der zweiten Studie

In 2014 wurde unter dem Titel „Amylase activity is associated with AMY2B copy numbers in dog: implications for dog domestication, diet and diabetes“ eine weitere Studie zum Thema Stärkeverdauung veröffentlicht. Diesmal unter der Leitung von Maja Arendt, aber auch der Autor der ersten Studie, Erik Axelsson, war Mitglied des Forscherteams. Das muss man ihm hoch anrechnen, schließlich neigen Wissenschaftler sonst gern dazu, Erkenntnisse, die ältere Veröffentlichungen relativieren, nicht unbedingt zu publizieren. Wer gibt schon gern öffentlich zu, falsch gelegen zu haben? Hut ab, dass er es dennoch getan hat! Untersuchungsgegenstand der zweiten Studie war inwieweit die Kopienanzahl eines Gens namens AMY2B, welches eine Rolle bei der Stärkeverdauung spielt, sich auf die Amylase-Aktivität (Enzym zur Stärkeverdauung) in der Bauchspeicheldrüse des Hundes auswirkt und ob dahingehend Schlussfolgerungen auf die Entstehung von Diabetes getroffen werden können und wie sich das auf die Domestikation ausgewirkt haben könnte.

Das Ergebnis der Untersuchung lautete neben anderen Erkenntnissen, dass die Kopienanzahl des Gens AMY2B innerhalb der Hundepopulation extrem schwankt. Ob Hunde über eine höhere Kopienanzahl verfügen, hängt laut der Untersuchung extrem stark von der Rasse und dem individuellen Tier ab. Die Ergebnisse unterschieden sich jeweils signifikant, wobei jedoch die Rasse zu 50 % die Genausstattung bestimmen soll. So hätten Samoyeden, mit einer durchschnittlichen AMY2B-Kopienzahl von 6,8, nicht einmal halb so viele wie etwa Deutsche Schäferhunde (15,7). Aber auch innerhalb der Rassen lagen erhebliche Unterschiede vor.

Hunde haben also NICHT generell eine größere Kopienanzahl von Genen zur Stärkeverdauung als Wölfe! Die Fähigkeit zur Kohlenhydratverdauung schwankt damit individuell erheblich.

Auch in dieser Studie wurde übrigens nicht unterschieden, was die untersuchten Tiere zu fressen bekamen. Analysiert wurden übrig gebliebene Blutproben vom pathologischen Institut einer Universität. Es ist also auch hier nicht auszuschließen, dass epigenetische Veränderungen Einfluss auf das Probenmaterial genommen haben.

Verbreitungsgrad der Ergebnisse

Warum die zweite Studie wesentlich weniger Beachtung fand als die erste, darüber lässt sich nur spekulieren. Möglicherweise lag es an der Bekanntheit des Veröffentlichungsmediums (Nature vs. Animal Genetics). Ein weiterer Grund könnte sein, dass die zuerst veröffentlichten Ergebnisse von Herstellern stark kohlenhydrathaltiger Fertigfutter oder Befürworter einer solchen Fütterung wesentlich besser marketingseitig genutzt werden können. Aus dieser Richtung rührte nämlich auch die massive Verbreitung der Untersuchungsergebnisse. Viele Hersteller verwiesen auf die Daten, um einen sehr hohen Kohlenhydratanteil in ihrem Futter zu rechtfertigen. Da die neuen Ergebnisse die gewünschte These nicht mehr stützen, liegt es nahe, dass sie unerwähnt bleiben... Ein Schelm, wer Böses dabei denkt ;)

Fazit

Ob ein Hund mehr Gene hat, die im Rahmen der Kohlenhydratverdauung eine Rolle spielen, als ein Wolf und damit in höherem Maße zur Verwertung von Stärke in der Lage ist, ist individuell unterschiedlich. Die Genausstattung hängt zu 50 % von der Rasse und zur Hälfte von anderen individuellen Faktoren ab, die nicht näher bekannt sind. Aus den derzeit vorhandenen Studienergebnissen kann also nicht geschlossen werden, dass Hunde generell dazu in der Lage sind, große Kohlenhydratmengen zu verwerten. Einige Hunde sind dazu in der Lage, andere nicht.

Wer also darüber nachdenkt, die Hälfte der Futterration des Hundes durch Stärkelieferanten zu gestalten, sollte vorher sicherheitshalber einen Gentest machen, um sicherzugehen, dass der eigene Hund damit auch wirklich zurecht kommt ;)

Im Übrigen ist eine vorhandene Fähigkeit nicht gleichzusetzen mit einem etwaigen Bedarf. Nur weil ein Hund gegebenenfalls mehr Gene zur Kohlenhydratverdauung hat als ein Wolf, heißt das nicht, dass er zwingend mehr Kohlenhydrate aufnehmen sollte oder gar muss. Hunde sind schließlich auch in der Lage, Rohrzucker zu verdauen (ein 30 kg schwerer Hund bis zu 150 g am Tag, also 10 EL). Dennoch käme kein vernünftiger Mensch auf die Idee, überhaupt Zucker zu verfüttern, geschweigedenn solche Mengen. Insgesamt sollte man als Hundehalter in Betracht ziehen, dass große Mengen an Kohlenhydraten - unabhängig von der Genetik - immer auch Nachteile mit sich bringen können. Mehr dazu hier.


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Quellen:
[1] Axelsson, E. et al. (2013): The genomic signature of dog domestication reveals adaptation to a starch-rich diet
[2] Vilà, C. et al. (1997): Multiple and ancient origins of the domestic dog
[3] Ziemen, E. (2010): Der Hund