Montag, 18. Juli 2016

Fehlerhafte Studie: Der Wolf, der Hund und die Kohlenhydrate

Wenn es um Kohlenhydrate in der Hundeernährung geht, scheiden sich die Geister. Die einen sind der Meinung, Kohlenhydrate gehörten nur in untergeordneten Mengen in die Nahrung eines Beutefressers, andere sind der Überzeugung, man müsse Hunde mit einem Kohlenhydratanteil von über 50 % ernähren. Letztere Gruppe stützt ihre Argumentation dabei die Ergebnisse einer Studie unter der Leitung des schwedischen Forschers Erik Axelsson aus dem Jahr 2013[1]. Diese soll bewiesen haben, dass Hunde mehr Gene zur Verwertung von Kohlenhydraten hätten als Wölfe und dass eine kohlenhydratreiche Fütterung die Domestikation des Hundes überhaupt erst ermöglicht hätte.[2] Dieses Argument wird seitdem in verschiedenen Publikationen, Marketingunterlagen, Facebook-Kommentaren, ja, sogar im letzten Test Stiftung Warentest hervorgebracht. Was viele nicht zu wissen scheinen: Die Ergebnisse der vielzitierten Studie wurden bereits in 2014 stark relativiert und zwar unter Mitwirkung von Erik Axelsson selbst. Warum nur erwähnt das keiner?

Ergebnisse der ersten Studie

In der zuerst durchgeführten Studie wurde untersucht, inwieweit sich welche Gene des Wolfes im Rahmen seiner Domestikation hin zum heutigen Haushund, verändert haben. Daraus ging unter anderem hervor, dass bestimmte Gene, die im Zusammenhang mit der Kohlenhydratverdauung stehen (z. B. das Gen AMY2B), mutierten und bei Hunden nun in größerer Kopienzahl auftreten als bei Wölfen. Ursächlich dafür sei eine stärkereiche Ernährung der Vorfahren unserer Hunde gewesen, die in der Nähe menschlicher Behausungen von Abfällen ernährt hätten. Aus diesen Erkenntnissen wurde letztendlich geschlussfolgert, dass Hunde „in höherem Maße“ in der Lage wären, Kohlenhydrate zu verstoffwechseln als Wölfe und dass diese Anpassung einen entscheidenden Schritt in der Domestikation des Hundes dargestellt hätte.

Im Übrigen wurde nicht untersucht, was genau „in höherem Maße“ bedeutet. Es war also auch nach dieser Studie nicht klar, wie hoch der anzusetzende Kohlenhydratanteil in der Nahrung nun sein sollte. Es wurde auch nicht verglichen, wie hoch die Kopienzahl solcher Gene etwa bei reinen Pflanzenfressern im Vergleich auftreten (haben vielleicht Wölfe 2, Hunde 10 und Tauben 200 – dann wären die Unterschiede zwischen Wolf und Hund ja wieder gering…). Vor allem aber wurde vernachlässigt, wie sich die Fütterung eines Hundes im Laufe seines Lebens auf dessen Erbgut auswirkt. Es ist längst bekannt, dass es durch Umwelteinflüsse zu epigenetischen Veränderungen kommt, die sich natürlich auf die Gene auswirken, die letztendlich untersucht werden. Und in der Studie wurde nicht unterschieden, die wie die untersuchten Tiere ernährt und gehalten wurden. Dies waren nur einige Kritikpunkte an der Studie.

Abgesehen davon, wurde natürlich auch in Frage gestellt, wie Hunde zum Zeitpunkt ihrer Domestikation auf große Kohlenhydratmengen hätten zugreifen können, um sich genetisch daran anzupassen. Die Domestikation des Hundes begann wohl vor 100.000 Jahren an verschiedenen Orten der Erde unabhängig voneinander. Vor rund 10.000 Jahren war der Hund bereits weltweit verbreitet und in verschiedenen Größen und möglicherweise auch Farben und Formen vorhanden.[3] Ein Blick in die Geschichtsbücher lässt doch Fragen an den Schlüssen der Studie aufkommen, denn die so genannte neolithische Revolution, also der Wandel der Lebensweise des Menschen weg von Dasein als Jäger und Sammler hin zur Sesshaftigkeit fand etwa 5.000–2.500 v. Chr. statt. Die Anfänge des Ackerbaus sind also in eine Zeit von vor etwa 7.000 Jahren zurück zu datieren. Da waren Hunde bereits seit 3.000–93.000 Jahren domestiziert. Weder Menschen, noch Wölfen standen also mangels Ackerbau in den Anfängen der Domestikation große Kohlenhydratmengen zur Verfügung, an die eine Anpassung hätte erfolgen können.

Aufgrund solcher Fehler in der Konzeption der Studie – die übrigens eine Peer-Review-Untersuchung war, also von anderen Wissenschaftlern geprüft und in einer namhaften Zeitschrift veröffentlicht wurde – wurde sie nicht nur vielzitiert, sondern auch in erheblichem Maße kritisiert. Vielleicht erfolgte auch aus diesem Grund eine zweite Untersuchung, bei der Erik Axelsson ebenfalls mitwirkte und in welcher die Ergebnisse stark relativiert wurden. Natürlich wurde um diese Studie nicht so viel Wind gemacht...

Ergebnisse der zweiten Studie

In 2014 wurde unter dem Titel „Amylase activity is associated with AMY2B copy numbers in dog: implications for dog domestication, diet and diabetes“ eine weitere Studie zum Thema Stärkeverdauung veröffentlicht. Diesmal unter der Leitung von Maja Arendt, aber auch der Autor der ersten Studie, Erik Axelsson, war Mitglied des Forscherteams. Das muss man ihm hoch anrechnen, schließlich neigen Wissenschaftler sonst gern dazu, Erkenntnisse, die ältere Veröffentlichungen relativieren, nicht unbedingt zu publizieren. Wer gibt schon gern öffentlich zu, falsch gelegen zu haben? Hut ab, dass er es dennoch getan hat! Untersuchungsgegenstand der zweiten Studie war inwieweit die Kopienanzahl eines Gens namens AMY2B, welches eine Rolle bei der Stärkeverdauung spielt, sich auf die Amylase-Aktivität (Enzym zur Stärkeverdauung) in der Bauchspeicheldrüse des Hundes auswirkt und ob dahingehend Schlussfolgerungen auf die Entstehung von Diabetes getroffen werden können und wie sich das auf die Domestikation ausgewirkt haben könnte.

Das Ergebnis der Untersuchung lautete neben anderen Erkenntnissen, dass die Kopienanzahl des Gens AMY2B innerhalb der Hundepopulation extrem schwankt. Ob Hunde über eine höhere Kopienanzahl verfügen, hängt laut der Untersuchung extrem stark von der Rasse und dem individuellen Tier ab. Die Ergebnisse unterschieden sich jeweils signifikant, wobei jedoch die Rasse zu 50 % die Genausstattung bestimmen soll. So hätten Samoyeden, mit einer durchschnittlichen AMY2B-Kopienzahl von 6,8, nicht einmal halb so viele wie etwa Deutsche Schäferhunde (15,7). Aber auch innerhalb der Rassen lagen erhebliche Unterschiede vor.

Hunde haben also NICHT generell eine größere Kopienanzahl von Genen zur Stärkeverdauung als Wölfe! Die Fähigkeit zur Kohlenhydratverdauung schwankt damit individuell erheblich.

Auch in dieser Studie wurde übrigens nicht unterschieden, was die untersuchten Tiere zu fressen bekamen. Analysiert wurden übrig gebliebene Blutproben vom pathologischen Institut einer Universität. Es ist also auch hier nicht auszuschließen, dass epigenetische Veränderungen Einfluss auf das Probenmaterial genommen haben.

Verbreitungsgrad der Ergebnisse

Warum die zweite Studie wesentlich weniger Beachtung fand als die erste, darüber lässt sich nur spekulieren. Möglicherweise lag es an der Bekanntheit des Veröffentlichungsmediums (Nature vs. Animal Genetics). Ein weiterer Grund könnte sein, dass die zuerst veröffentlichten Ergebnisse von Herstellern stark kohlenhydrathaltiger Fertigfutter oder Befürworter einer solchen Fütterung wesentlich besser marketingseitig genutzt werden können. Aus dieser Richtung rührte nämlich auch die massive Verbreitung der Untersuchungsergebnisse. Viele Hersteller verwiesen auf die Daten, um einen sehr hohen Kohlenhydratanteil in ihrem Futter zu rechtfertigen. Da die neuen Ergebnisse die gewünschte These nicht mehr stützen, liegt es nahe, dass sie unerwähnt bleiben... Ein Schelm, wer Böses dabei denkt ;)

Fazit

Ob ein Hund mehr Gene hat, die im Rahmen der Kohlenhydratverdauung eine Rolle spielen, als ein Wolf und damit in höherem Maße zur Verwertung von Stärke in der Lage ist, ist individuell unterschiedlich. Die Genausstattung hängt zu 50 % von der Rasse und zur Hälfte von anderen individuellen Faktoren ab, die nicht näher bekannt sind. Aus den derzeit vorhandenen Studienergebnissen kann also nicht geschlossen werden, dass Hunde generell dazu in der Lage sind, große Kohlenhydratmengen zu verwerten. Einige Hunde sind dazu in der Lage, andere nicht.

Wer also darüber nachdenkt, die Hälfte der Futterration des Hundes durch Stärkelieferanten zu gestalten, sollte vorher sicherheitshalber einen Gentest machen, um sicherzugehen, dass der eigene Hund damit auch wirklich zurecht kommt ;)

Im Übrigen ist eine vorhandene Fähigkeit nicht gleichzusetzen mit einem etwaigen Bedarf. Nur weil ein Hund gegebenenfalls mehr Gene zur Kohlenhydratverdauung hat als ein Wolf, heißt das nicht, dass er zwingend mehr Kohlenhydrate aufnehmen sollte oder gar muss. Hunde sind schließlich auch in der Lage, Rohrzucker zu verdauen (ein 30 kg schwerer Hund bis zu 150 g am Tag, also 10 EL). Dennoch käme kein vernünftiger Mensch auf die Idee, überhaupt Zucker zu verfüttern, geschweigedenn solche Mengen. Insgesamt sollte man als Hundehalter in Betracht ziehen, dass große Mengen an Kohlenhydraten - unabhängig von der Genetik - immer auch Nachteile mit sich bringen können. Mehr dazu hier.


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Quellen:
[1] Axelsson, E. et al. (2013): The genomic signature of dog domestication reveals adaptation to a starch-rich diet
[2] Vilà, C. et al. (1997): Multiple and ancient origins of the domestic dog
[3] Ziemen, E. (2010): Der Hund

Montag, 4. Juli 2016

Tierarzt vs. Neubarfer – Krieg der Welten?

Eins vorweg: Ich bin sicherlich niemand, der vorschnell urteilt und ich halte auch nichts von pauschalisierten Beschuldigungen in Richtung Tierärzteschaft. Denn es gibt sie überall, die schwarzen Schafe und natürlich auch die guten Vertreter einer Zunft. Ob nun in weißem Kittel, im Anzug oder im Blaumann. In jedem Berufszweig.

Dennoch schlage ich oft die Hände über dem Kopf zusammen, wenn Freunde, Bekannte, Kunden oder einfach Tierhalter, die sich in Foren oder Facebook-Gruppen äußern, von ihrem ersten Tierarzt-Besuch als Neubarfer berichten. Natürlich gibt es sie, die Tierärzte, die vernünftig mit der Thematik BARF umgehen, sich den Futterplan der Tierhalter ansehen, eventuell Korrekturen vornehmen, ihnen Tipps geben und so dafür sorgen, dass der Hund wirklich gut ernährt wird. Aber leider scheint ein Teil der Veterinäre einen gegenteiligen Kurs zu fahren: Wenn es um BARF geht, wird in den Praxen schon mal rot gesehen, dann wird gepöbelt, beschuldigt und gelogen, was das Zeug hält.

Die Vorwürfe reichen von „Der Hund erhält mit BARF auf keinen Fall genug Nährstoffe!“ über „Rohes Fleisch? Da bekommen Ihre Kinder garantiert Würmer und Salmonellen!“ bis hin zu „Verantwortungslos! Sie füttern Ihren Hund in den Nierentod! Er wird Ihretwegen sterben!“ Würde man eine Liste der unangemessenen, unbelegten, teilweise beleidigenden und völlig unsinnigen Aussagen einiger Tierärzte zum Thema BARF erstellen, sie würde diesen Blog sprengen. Einiger Tierärzte, nicht aller Tierärzte, wohlgemerkt.

Wie kommt es zu dieser Ablehnung?

Die Theorien darüber, weshalb die Mehrheit der Veterinäre BARF abzulehnen scheint, sind vielfältig. In Foren wird heiß spekuliert, ob Tierärzte vielleicht keinen Nutzen von gesunden Tieren hätten und deswegen BARF ablehnten: Schließlich würde Fertigfutter den Hund erst krank machen und somit den Weg für eine dauerhafte Behandlung ebnen. Oder ob sie alle samt von der Futtermittellobby geschmierte Marionetten seien, die sich an Spezialdiäten eine goldene Nase verdienten. Auch diese Liste ist übrigens endlos und meiner Meinung nach ebenso falsch. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass die meisten Abiturienten, die sich für ein veterinärmedizinisches Studium entscheiden, dies tun, weil sie Tiere lieben und mit Tieren arbeiten wollen. Nicht mehr und nicht weniger. Würde es ihnen nur ums Geld gehen, würden sie Investmentbanker, Schönheitschirurgen oder Rechtsanwälte werden – die Chancen, sich in diesen Berufszweigen in die Riege der oberen Zehntausend einzureihen, sind deutlich größer. Geld wird vermutlich nicht im Vordergrund stehen.

Das Problem scheint eher zu sein, dass die meisten Tierärzte sich mit dem Thema BARF nie wirklich im Detail auseinandergesetzt haben. Weder mit BARF, noch mit der Ernährung von Hunden und Katzen allgemein, denn im Studium wird das Thema nur am Rande gestreift. BARF ist gar kein Lehrinhalt! Zu behaupten, Tierärzte würden sich nicht intensiv mit der Ernährung befassen, mag überheblich klingen, wenn ich als Laie das sage. Daher sage ich es nicht, sondern lasse Zahlen sprechen: Unlängst hat eine Umfrage unter Tierärzten[1] ergeben, dass sich 50 % der befragten Veterinäre nicht im Stande sähen, eine kompetente Ernährungsberatung durchzuführen, 28 % wendeten sich bei Fragen zur Ernährung hilfesuchend an die Futtermittelindustrie, 82 % hätten noch nie eine Fortbildung zum Thema Ernährung besucht (beraten also basierend auf den wenigen Vorlesungen zum Thema im Studium). Und dass, obwohl 90 % der Befragten der Ansicht waren, fütterungsrelevante Fragen nähmen zu.

Da haben wir es! Die Mehrheit der Tierärzte ist mit dem Thema schlicht und einfach gar nicht vertraut. Das verwundert auch nicht, denn Veterinäre sollen schließlich von Goldfisch, über Golden Retriever bis hin zu Golden American Saddlebred alles behandeln können. Sie sollen Dermatologe, Kardiologe sowie Chirurg sein und jetzt auch noch Ernährungsberater. Und bei allen Fachgebieten sollen sie auf dem neusten Stand sein, also ständig Fortbildungen besuchen und sich natürlich noch leidenschaftlich um die Patienten in ihrer Praxis kümmern. Am besten Tag und Nacht. Und idealerweise gratis. Wer soll das leisten? Es ist schlichtweg nicht möglich, ein Spezialist in allen Belangen zu sein. Aber genau das wird von ihnen verlangt... zu unrecht! Und natürlich, einige Tierärzte meinen leider auch, ein Halbgott in weiß und damit automatisch ein Ernährungsspezialist zu sein, ganz ohne tiefergehende Kenntnisse. An dieser Stelle herrscht auch in der universitären Ausbildung großer Anpassungsbedarf.

Was man auch nicht vergessen darf: Häufig ist es so, dass Tierärzte nur von Horrorgeschichten rund um BARF hören oder sie haben jene unglückseligen Fälle „gebarfer“ Hunde auf den Behandlungstischen, bei denen etwas schief gegangen ist und da kann man die Wut des Mediziners auch verstehen. Man muss aber auch betonen, dass es sich bei diesen Fällen eher nicht um BARF handelt, sondern immer um abenteuerliche Futterzusammenstellungen á la „Hackfleisch aus dem Supermarkt und mehr nicht“ oder "Einmal im Monat gibt es die gesamte Knochenration auf einmal". Das hat aber mit BARF rein gar nichts zu tun. BARF berücksichtigt immer das Beutetierprinzip, sonst ist es kein BARF, sondern RF. Mehr dazu in diesem Artikel.

Und dann kommt eine Tatsache hinzu, die tatsächlich an mafiöse Strukturen erinnert, für die aber die Tierärzte auch nichts können: Fortbildungen, die zum Thema Ernährung angeboten werden, sind fast immer Veranstaltungen der Futtermittelindustrie. Die Logos großer Futtermittelhersteller zieren häufig die Unterlagen bei solchen Weiterbildungen. Jeder Barfer weiß, dass diese nichts mit BARF am Hut haben. Wie hoch ist also die Wahrscheinlichkeit, dass in den Veranstaltungen BARF befürwortend oder auch nur neutral beleuchtet wird…?

Und selbst wenn sich Seminare um Rohfütterung drehen, so wird im Grunde meist gar nicht BARF diskutiert, sondern meist Pseudo-BARF - nämlich kohlenhydratbasierte Rohfütterungsmethoden, die den Einsatz einer ganzen Reihe von Supplementen zu erfordern scheinen und nichts mit dem Beutetierprinzip gemein haben.

Es wird auch gemunkelt, dass es regelrechte Anti-BARF-Seminare geben soll, bei denen „Fakten zu BARF“ beleuchtet, gruselige Bilder von deformierten Skeletten angeblich gebarfter Hunde gezeigt und eine Argumentation Pro-Fertigfutter geliefert werden. Aber das ist bestimmt nur ein Gerücht…


Wo ist eigentlich das Problem?

Diese Fakten haben natürlich Auswirkungen auf die Praxis, denn dort geschieht Folgendes: Der mehr oder weniger gut informierte Neubarfer (die alten Hasen lassen sich von den Horrorszenarien nicht mehr abschrecken) geht mit seinem Hund – vielleicht ist es sogar ein Welpe – zum Tierarzt und antwortet auf die Frage: „Was füttern Sie?“, ganz unschuldig, ehrlich und auch ein bisschen stolz: „BARF!“ (der Altbarfer sagt vermutlich einfach: Dosenfutter xy, um sich nicht wieder einen Vortrag anhören zu müssen). Und dann sieht er sich leider häufig (man muss es betonen: nicht immer!) mit den übelsten Schimpftiraden konfrontiert. Meistens entbehren die jedoch jedweder Grundlage, zumindest, wenn man sie mal genau hinterfragt. Und genau das sollte ein Hundehalter dann auch tun, wenn er sich denn schon in so eine unglückliche Situation manövriert hat. Welche Vorurteile gegenüber BARF führen also dazu, dass der verunsicherte Tierhalter mit Panik in den Augen die Praxis verlässt, um bei Facebook darüber zu berichten und sich erneut Mut machen zu lassen…? Denn genau das geschieht. Kaum ein BARF-Neuling wird sofort die Segel streichen und aufgeben. Im Zweifel macht er dann vielleicht Fehler in der Rationsgestaltung. Leider eine verpasste Chance, denn ein Tierarzt, der sachlich mit dem Thema umgeht, kann aufklären und beraten. Eine pauschale Panikmache führt nur selten dazu, dass der Neu-Barfer seine Gefriertruhe wieder verkauft und stattdessen ins Fertigfutter-Regal greift…. Das nur am Rande. Schauen wir uns die typischen Aussagen an, die von einem Kritiker für gewöhnlich kommen:

„In Studien wurde nachgewiesen: Mit BARF kommt es zu Skelettfehlentwicklungen…“

Zunächst einmal gibt es so gut wie gar keine Studien zu BARF. Da liegt bereits der Hase im Pfeffer: Es gibt Untersuchungen, die sich mit Rohfütterung oder Pseudo-BARF befassen, aber nicht mit BARF (Definition hier: Beutetierprinzip). In den oft zitierten Studien wird dann z. B. ein Wurf Schäferhundwelpen mit einer Mischung aus 20 % rohem Fleisch und 80 % Reis aufgezogen, die Hunde entwickeln (wie überraschend!) gesundheitliche Probleme[2] und Schuld ist natürlich BARF. Diese Ration ist aber nicht BARF, sondern ist irgendwo zwischen verantwortungslos und schlichtweg dämlich (sorry) anzusiedeln. Nie wurde offiziell untersucht, wie Welpen sich mit einer korrekt konzipierten BARF-Ration entwickeln. Man sieht es lediglich an nunmehr zehntausenden Beispielen in der Praxis (ja, ich weiß, alles Anekdoten) und es ist klar, dass es Beutefressern in Freiheit ebenfalls gelingt, sich bedarfsdeckend zu ernähren – ja, auch im Wachstum! Das Argument, dass BARF besonders für Welpen ein Problem sei, ist regelrecht lächerlich. Gerade im Wachstum ist es wichtig, das Tier möglichst hochwertig und artgerecht zu ernähren. Nur ein kleines Beispiel: Im Trockenfutter für Hunde im Wachstum stecken meist Unmengen (ca. 40-50 %) an Kohlenhydraten und dass, obwohl Welpen bis zum 4. Lebensmonat nachgewiesenermaßen nicht ausreichend Amylase (= Enzym zur Kohlenhydratverdauung) bilden können, um einen so hohen Getreideanteil überhaupt zu verwerten. Das soll "ausgewogen" und "perfekt auf den Hund abgestimmt" sein...? Also bitte!

Wenn also irgendwer mit Studien kommt, sollte man mal nach den konkreten Untersuchungen fragen ;) Und wenn der Kritiker dann mit Freeman, Heinze & Co. kontert, dann fragt man, ob in den Studien wirklich BARF untersucht wurde (nein, natürlich nicht!). Man kann auch fragen, wie die Wolfswelpen es schaffen, gesund aufzuwachsen – nur mit Beutetierfütterung, auch im Zoo. Warum funktioniert es beim Wolf und beim Hund nicht? Wieso gibt es mittlerweile so viele Praxisbeispiele bei Hunden, in denen es immer funktioniert hat? Täglich erstellen zertifizierte Ernährungsberater oder gut informierte Hundehalter BARF-Pläne für Welpen (auch für Irische Wolfshunde, Molosser und andere "problematische Rassen") und noch nie wurde ein Problem bekannt. Warum nicht? Das wäre doch ein riesen Eklat, der definitiv von allen BARF-Kritikern öffentlich ausgeschlachtet würde. Warum bleibt das aus...? Hinterfragen hilft fast immer…

„BARF ist nicht bedarfsdeckend…“

Auch bei dieser Aussage muss man konkret nachfragen: Mit welchen Bedarfswerten wurde die Analyse durchgeführt? Und wurde überhaupt BARF untersucht? Aus der Literatur geht eindeutig hervor, dass typische Bedarfswerte von einer angepassten Bioverfügbarkeit der Nährstoffe ausgehen (mehr dazu hier), weil Fertigfutter eben anders verwertet wird als frische Nahrung. Wurde das berücksichtigt? Welche Werte wurden also verwendet? Man sollte einen Kritiker daher immer fragen, wie BARF definiert wird (vorausgesetzt, man weiß das selbst...) und wie die korrekte Aufteilung zu erfolgen hat. Wie hat wohl der Kritiker seine selbst durchgeführte Analyse der Ration gestaltet und mit welchen Faktoren hat er die NRC-Bedarfswerte angepasst hat, um die richtigen Ergebnisse zu ermitteln? ;) Im Übrigen sind korrekt konzipierte BARF-Rationen selbstverständlich bedarfsdeckend. Ja, ich weiß, ich bin ein Laie und habe natürlich überhaupt gar keine Ahnung. Daher zitiere ich Prof. Zentek an dieser Stelle: „Es ist ohne weiteres möglich, Hunde mit selbst hergestellten Rationen ausgewogen zu füttern. Allerdings muss die Zusammenstellung passen, sonst besteht die Gefahr der Unterversorgung an Nährstoffen.“ Man muss also einfach nur wissen, wie die Ration korrekt aufzubauen ist. Und nein, dafür braucht man weder Kohlenhydratberge, noch ein Mineralfutter: In seinem Buch "Rohfütterung (BARF) bei Hund und Katze: Möglichkeiten, Risiken und Probleme" zeigt er verschiedene Rationen, die low-carb und zusatzfrei und seiner Meinung nach dennoch bedarfsdeckend sind.


„Ein gebarfter Hund muss alle 4 Wochen entwurmt werden!“

Das ist eine Empfehlung, die viele Tierärzte von der s. g. European Counsel Companion Animal Parasites (ECCAP) übernehmen. Den Ausführungen dieser „unabhängigen, nicht gewinnorientierten“ Organisation (Zum Thema Unabhängigkeit: einfach mal nach dem Begriff ECCAP zusammen mit den Namen bekannter Pharmakonzerne z. B. „Bayer Animal Health ESCCAP“ bei Google suchen), die sich mit Parasiten beschäftigt, ist das tatsächlich so zu entnehmen. Allerdings sollte man schon den gesamten Text lesen, denn aus den Empfehlungen geht ebenfalls hervor: „Dies heißt jedoch nicht, dass Hunde und Katzen aus parasitologischer Sicht grundsätzlich nicht roh ernährt werden dürfen. Wichtig ist nur, dass das Fleisch vor dem Verfüttern ausreichend tief und lange eingefroren wird, um enthaltene Parasitenstadien sicher abzutöten. Gewährleistet ist dies aber nur, wenn das Fleisch mindestens eine Woche bei -17 ° bis -20 °C tiefgefroren bleibt.“[3] Das handhaben fast alle Barfer so. Hat der Kritiker diese Passage etwa verschwiegen? Die Lösung ist also einfach, das Fleisch einzufrieren…? Offenbar muss man wirklich genau nachfragen...


„Gebarfte Hunde übertragen Salmonellen!“

Zunächst einmal gibt es natürlich keine offizielle Studie, bei der untersucht wurde, ob gebarfte Hunde diesbezüglich eine größere Gefahr darstellen als Tiere, die Fertigfutter erhalten. Es wurde nur untersucht, ob Salmonellen im Kot enthalten sind. Ja, sind sie - wie bei Fertigfutter-Hunden auch. Das GesundeHunde-Forum hat vor Jahren den Kot von 300 gebarften Hunden bei Laboklin untersuchen lassen und die Durchsatzrate war genauso hoch wie Laboklin generell für Hunde angibt. (Ja, ich weiß, alles Junk-Science) Also sind durchaus Salmonellen im Kot. Und natürlich darf man nicht vergessen, dass es theoretisch möglich ist, dass ein Hund seinen Besitzer mit Salmonellen infiziert, es jedoch praktisch nicht vorkommt. Fragt man beim Robert-Koch-Institut nach, so erfährt man, dass Hunde ihre Halter in der Praxis nicht infizieren. Das liegt vermutlich daran, dass niemand Hundekot mit bloßen Händen anfasst, um sich danach ins Gesicht zu greifen… Die fast 20.000 Salmonellosen pro Jahr in Deutschland werden also über andere Übertragungswege ausgelöst. Hier ist also mal wieder von einem theoretischen Risiko ohne Praxisrelevanz die Rede, was man durch simples Händewaschen und etwas (Küchen)hygiene komplett beseitigen kann. Auch hier lohnt es sich, nachzufragen, wie viele Halter gebarfter Hunde sich bereits laut offizieller Statistik infiziert hätten – wenn das Risiko so hoch wäre, gäbe es mit Sicherheit dokumentiere Fälle. Die gibt es aber nicht. Und dass, obwohl eine Salmonellose meldepflichtig ist ;)


Und nun?

Es gibt noch zahlreiche weitere Beispiele für Mythen rund um BARF und wenn man sich näher mit ihnen befasst, stellt man immer wieder fest, dass sie mit Tatsachen rein gar nichts gemein haben. Was aber soll man tun, wenn man sich als Neubarfer im Krieg der Welten wiederfindet und nicht weiß, wie man sich korrekt verhalten sollte? Ganz einfach, man wechselt den Tierarzt. Es gibt mittlerweile genug Veterinäre, die sich mit BARF sehr gut auskennen und die Patientenbesitzer gern und kompetent dazu beraten. Man muss sich nicht mit einem Tierarzt herumstreiten, sich Vorwürfe anhören oder gar beschimpfen lassen, wenn es genug Kollegen gibt, die vernünftig mit der Thematik umgehen, auf echte Gefahren hinweisen und aufklären. Man sucht sich eine Praxis, in der man sich mit seinen Tieren gut aufgehoben und beraten fühlt und schon hat sich das Problem erledigt. Nicht vergessen: Der Kunde ist König, auch beim Tierarzt. Und wenn man mit seinem bisherigen Tierarzt in allen anderen Belangen super zurechtkommt, dann kann man doch auch für „alles außer Tiernahrung“ in der bisherigen Praxis bleiben und sich mit dem Mediziner darauf einigen, sich in Ernährungsfragen an einen zertifizierten Ernährungsberater, anderen Tierarzt oder Tierheilpraktiker zu wenden. Im humanmedizinischen Bereich ist das schließlich auch völlig normal. Oder holt sich jemand Ernährungstipps beim Augenarzt? Sicherlich nicht. Und auch ein Tierarzt muss und kann nicht alles wissen. Warum auch? Es gibt über alles Spezialisten.

Kopf hoch! Irgendwann findet man einen Tierarzt, bei dem man sich wohl fühlt und der kompetent und freundlich zum Thema BARF berät oder zumindest deswegen nicht haltlos kritisiert. 



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Quellen:
[1] R. Bergler; S. Wechsung; E. Kienzle, T. Hoff; B. Dobenecker (2016): Ernährungsberatung in der Kleintierpraxis – ein Arbeitsfeld für spezialisierte Tierärzte
[2] Kawaguchi, K. et al. (1993): NUTRITIONAL SECONDARY HYPERPARATHYROIDISM OCCURRING IN A STRAIN OF
GERMAN SHEPHERD PUPPIES
[3] European Scientific Counsel Companion Animal Parasites (2014): Bekämpfung von Würmern (Helminthen) bei Hunden und Katzen, S. 7

Dienstag, 21. Juni 2016

Falsch, falscher, Pseudo-BARF – wie man es nicht machen sollte….

BARF ist eigentlich einfach. BARF ist keine Religion. BARF ist keine Wissenschaft. BARF ist nicht der heilige Gral der Hundefütterung. Aber wenn man barft, dann richtig! Denn BARF umfasst bestimmte Konzeptregeln, die es zu beachten gilt: Nämlich die Orientierung am Beutetier. Es sind einfache Regeln, aber sie existieren und sie sind wichtig. Immer wieder trifft man im Internet, bei Seminaren oder sogar in Büchern auf so genannte BARF-Futterpläne, die so viel mit BARF gemein haben wie AC/DC mit den Wildecker Herzbuben. Auch manche Ernährungsberater, THP oder Tierärzte erstellen leider solche Pseudo-BARF-Pläne, die alles vernachlässigen, was aus ernährungsphysiologischer Sicht sinnvoll wäre oder auch nur im Ansatz etwas mit dem Aufbau einer BARF-Ration zu tun hat. Schade eigentlich.

Menschen machen Fehler, das ist normal. Niemand ist unfehlbar. Allerdings ist auffällig, dass manche Pseudo-BARF-Rationen den Eindruck erwecken, als hätte der Ersteller sich nicht einmal über die grundlegendsten Regeln von BARF informiert, nennt das Ergebnis aber trotzdem BARF-Plan. Vielleicht weil sich das dann besser verkauft. Das ist einfach nur traurig. Glücklicherweise gibt es natürlich auch ganz viele richtig konzipierte Futterpläne, aber um die soll es heute nicht gehen. Betrachten wir die häufigsten Fehler in (Pseudo-)BARF-Rationen.

Montag, 13. Juni 2016

BARF-Blog 2.0 – ab jetzt gibt es BARF-Webinare

Wie einige Blog-Leser sicherlich wissen, halte ich bereits seit längerer Zeit Seminare rund um das Thema BARF, in denen interessierte Hundehalter alles lernen, was sie über BARF wissen müssen, um ihren Hund art- und vor allem auch bedarfsgerecht ernähren zu können.

Aufgrund der großen Nachfrage aus allen Ecken im deutschsprachigen Raum habe ich daher beschlossen, ab jetzt auch Webinare anzubieten. Der Vorteil liegt natürlich auf der Hand: Eine etwaige lange Anfahrt entfällt für die Teilnehmer. Man kann bequem am PC sitzen und sein Wissen rund um BARF erweitern. So können auch Interessierte teilnehmen, die nicht so mobil sind. Außerdem werden die Webinare aufgezeichnet und stehen allen, die teilgenommen haben, kostenlos zur Verfügung. So kann man sich die Veranstaltung noch einmal ansehen, falls man bestimmte Dinge noch einmal wiederholen möchte. Natürlich können ältere Aufzeichnungen ebenfalls gekauft werden, falls man ein Webinar verpasst hat.

Die zukünftig stattfindenden oder aufgezeichneten Webinare findet Ihr auf der folgenden Seite: https://www.edudip.com/academy/nadine.wolf

Die Themen werden sich natürlich um BARF und alles, was damit zu tun hat, drehen. Es wird Webinarreihen geben, aber auch kurze Webinare, die sich immer an Tierhalter richten. Ich freue mich auf Euch!

Übrigens findet dazu auf Facebook gerade eine Verlosung statt. Zu gewinnen gibt es einen Webinarplatz im Wert von 59 Euro. Hier geht´s zum Post. (Sorry, an alle, die nicht bei Facebook sind, aber auf dem Blog fehlen mir die technischen Möglichkeiten zur Ziehung des Gewinners per Zufallsgenerator. Vielleicht kennt Ihr jemanden, der einen Account hat und für Euch teilnehmen kann.)

P. S. Wer sich für eine umfangreiche Ausbildung zum BARF-Berater interessiert, kann sich unter www.barfberater.de zu den Kursen anmelden. Dort bin ich ebenfalls an Dozentin tätig.

Dienstag, 26. April 2016

Jetzt geht´s um die Wurst – haufenweise Fakten zum Output bei BARF

Heute geht es um ein Thema, bei dem viele Leute wohl eher die Nase rümpfen: Hundekot. Für die meisten Menschen ist er, zu Recht, nur ein ärgerliches Hindernis auf so manchem Gehweg, für viele Hundehalter jedoch gibt das Häufchen Aufschluss über die Futterqualität und den Gesundheitszustand des Hundes. Konsistenz, Form, Farbe, Menge, Häufigkeit des Kotabsatzes und eventuelle Hinweise auf „Mitbewohner“ – all diese Eigenschaften liefern Informationen und geben manchmal auch Grund zur Sorge. Aus diesem Grund sollte jeder Hundehalter hin und wieder einen genaueren Blick auf den Output des Hundes werfen.

Freitag, 5. Februar 2016

Weiterhin Naturheilmittel für Tiere rezeptfrei kaufen? Das können Sie tun!

Wie bereits im Artikel letzte Woche erwähnt, ist im Moment die EU-Verordnung COM(2014) 558 bei Tierhaltern in aller Munde. Das Problem an dieser geplanten Gesetzesänderung ist, dass sie dazu geeignet ist, den freien Verkauf homöopathischer und naturheilkundlicher Arzneimittel für Tiere zu gefährden. Das bedeutet im Klartext, dass Naturheilmittel wie Propolis & Co. künftig rezeptpflichtig werden oder ganz vom Markt verschwinden könnten. Außerdem bedeutet eine Einstufung von Naturheilmitteln als verschreibungspflichtiges Medikament das Aus für den Beruf des Tierheilpraktikers.